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Gratseilakt: Bergwerkskogel-Rettenkogel-Überschreitung

Einsamkeit hat viele Gesichter. Wir sehnen uns nach ihr, wenn wir zur Ruhe kommen oder ins Zwiegespräch mit uns selbst treten möchten. Dann erleben wir Einsamkeit wie einen Befreiungsschlag von lästigen Verpflichtungen. Als Zeit, die wir unserem Ich widmen können. Gleichzeitig fürchten wir die Einsamkeit, wenn sie sich wie ein dunkler Schatten um unser Herz windet und unsere Seele zermürbt. Am Berg genieße ich vor allem jene Momente, in denen die Natur ihre sanfte Hand um meine Schultern legt und die friedvolle Stille meinen Gedankenstrudel auflöst. Einsame Berggipfel sind mittlerweile ein seltenes Gut, doch im Salzkammergut bin ich vor kurzem fündig geworden.

Zauber der Vergänglichkeit

Die Bäume leuchten in einem faszinierenden Scharlachrot und Goldgelb. Nur die Tannen tragen weiterhin ihr grünes Sommerkleid. Wir stehen inmitten der Sonntagskaralm, wo der Herbst bereits aus seiner satten Farbpalette geschöpft hat. Die urigen Hütten haben sich in den Winterschlaf verabschiedet. Wir marschieren die Wiesen hinauf und folgen dem Weg in den Wald hinein. Die Blätter vollziehen ihren letzten Tanz und segeln langsam zu Boden, wo sie sich zu einem bunten Teppich verdichten. Die Wurzeln schlängeln sich kunstvoll über den feuchten Waldboden. Ich konzentriere mich auf den Augenblick und den nächsten Schritt, lasse mich nicht von Gedankenströmen ablenken. Die frische Waldluft fließt in meine Lungen und meine Vorfreude steigt, als wir uns endlich dem Gipfelaufbau nähern.

BergRettenkogel und Bergwerkskogel
1780 Meter und 1781 Meter
Strobl, Salzburg
WandernSchwierigkeit: mittelschwerer Bergweg mit Kletterstellen im Schwierigkeitsgrad I und Seilversicherung (A/B, kurzer C-Aufschwung)
Dauer: 7 Stunden
Länge: 13,2 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 1320 Höhenmeter
Höhenprofil & Karte
EinkehrHotel Gasthof zur Wacht
AnfahrtParkplatz nahe Gasthof zur Wacht
Zum Google Maps Routenplaner
Sonntagskaralm Hütte
Der Herbst hat die Sonntagskaralm mit kräftigen Pinselstrichen in ein Herbstidyll verwandelt.
Sonntagskaralm
Die Hütten auf der Sonntagskaralm werden leider nicht bewirtschaftet.

Alte Liebe rostet nicht

Durch die Latschen gelange ich zu einem kleinen Vorsprung, von dem man einen wunderbaren Blick auf den Wolfgangsee hat. Und obwohl ich heuer bereits mehrmals in den Genuss dieser Aussicht gekommen bin, könnte ich immer wieder einen Freudentanz aufführen. Dieses Panorama ist einfach eine Augenweide. an dem ich mich stundenlang ergötzen könnte. Die Handschrift des Herbstes ist unverkennbar. Die umliegenden Berge leuchten in einem Farbenmeer aus Gelb, Rot und Orange. Ich folge dem Stahlseil den felsdurchsetzten Weg entlang, bis ich plötzlich vor einer riesigen Eisenleiter stehe. Man könnte zwar an der Leiter vorbeigehen, doch diesen Spaß möchte ich mir nicht entgehen lassen. Quietschvergnügt steige ich insgesamt 135 Stufen hinauf. Mein Herz schlägt Purzelbäume. Das Ziel ist nur mehr einen Steinwurf entfernt.

Latschen Rettenkogel
Ein Ausblick, der immer wieder aufs Neue bezaubert.
Leiter auf den Rettenkogel
Nur mehr wenige Sprossen trennen mich vom ersten Gipfelsieg des Tages.

Wunschkonzert

Der Rettenkogel-Gipfel begrüßt uns mit seinem mächtigen Metallkreuz und einer dichten Nebeldecke. Enttäuscht lasse ich den Kopf hängen. „Hätte der Nebel nicht ein bisschen später auftauchen können?“, murmle ich zerknirscht. Und als hätte mich der Wettergott belauscht, lichtet sich plötzlich der weiß-graue Nebelschleier. „Wir haben Glück, der Nebel zieht vorüber!“, überschlägt sich meine Stimme vor Freude. Der Vorhang öffnet sich und die Darsteller treten auf die Bühne. Postalm, Schafberg, Sparber, Bleckwand und Rinnkogel geben ihr Schauspiel zum Besten und verzaubern uns mit ihrer Darbietung. Auch der mächtige Dachstein mit seinen weißgetünchten Felsspitzen zeigt sich in seiner ganzen Pracht. 

Rettenkogel-Ausblick
Der Gipfel des Rettenkogels geizt nicht mit seinen Reizen.
Rettenkogel Panoramablick
Egal von welchem Gipfel – der Wolfgangsee raubt aus jeder Perspektive den Atem.
Rettenkogel Blick auf den Dachstein
Letzte Schneereste vom frühen Wintereinbruch haften an den steilen Felsflanken.

Ein Zwilling kommt selten allein

Nach einer kurze Pause folgt der schönste Part der Tour, der 650 Meter lange Verbindungsgrat zwischen Retten- und Bergwerkskogel. Der Höhenunterschied der beiden Zwillingsgipfel beträgt lediglich einen Meter. Zuvor muss ich aber noch eine Hürde überwinden. Vom Rettenkogel gilt es einen 10 Meter hohen Pfeiler abzusteigen. Ich lenke meinen Blick vorsichtig hinunter. „Komm runter! Alles halb so wild!“, dringen von unten die beruhigenden Worte an mein Ohr. Nervös knabbere ich an meinen Lippen. Mein Herz beginnt zu flattern und ich trete angespannt auf der Stelle. Es ist tatsächlich dieses lustvolle Angstempfinden, das den Reiz des Bergsteigens ausmacht. Ich umfasse das Stahlseil, packe meinen Mut zusammen und wage mich die Felswand hinab. Dank der zahlreichen Klettersteige in dieser Saison läuft der Abstieg wie geschmiert. Der Fels ist griffig und ich finde schnell gute Tritte. Ein letzter Sprung und ich habe wieder festen Boden unter den Füßen. „Ging doch besser als gedacht“, freue ich mich und kann mein Siegerlächeln nicht unterdrücken.

Rettenkogel Gipfelgrat
Der schmale Grat ist die Verbindungslinie zwischen dem Gipfelpaar.
Rettenkogel Bergwerkskogel
Der Felsklotz des Rettenkogels beherrscht das Tal zwischen Bad Ischl und dem Wolfgangsee.

Ungezähmte Leidenschaft

Die weitere Gratüberschreitung ist ein Wechselspiel aus Gehgelände und leichter Kletterei, teilweise mit Seilversicherung. Ich koste jede Sekunde des Felskontaktes aus, verschmelze mit der Natur. Die lärmende Welt im Tal gerät in Vergessenheit. Stattdessen überkommt mich eine große Gleichgültigkeit. Ein Gefühl von Freiheit durchströmt mich. Ich klettere vorbei am Platteneck und über einen Spalt und überlasse es meinen Sinnen, mich zu leiten. In jenen Momenten reduziert sich meine Welt auf die wenigen Quadratzentimeter des nächsten Griffs. Nach 30 Minuten erreiche ich den einsamen Gipfel des Bergwerkskogels. 

Berwerkskogel
Über luftige Felsköpfe leitet der Grat hinüber zum Bergwerkskogel.

Ein Gipfelkreuz sucht man am Bergwerkskogel zwar vergebens, dafür gibt es ein schönes Plätzchen, um sich eine Auszeit vom Alltagsstress zu gönnen. Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Bauchatmung. Die Sonne kitzelt mein Gesicht. Der Wind streift mir über die Haut. In diesem Augenblick möchte ich nirgendwo sonst sein. So sitze ich da und lasse die Zeit verstreichen. Die sich senkende Sonne erinnert uns irgendwann an den Abstieg und so packen wir unsere Habseligkeiten zusammen und machen uns auf den Rückweg. 

Bergwerkskogel Blick auf den Dachstein
Der Bergwerkskogel ist ein unscheinbarer Gipfel, auf dem man dem Trubel im Tal für einen Augenblick entrinnen kann.
Wenn niemand da ist, kann man schon mal ein paar verrückte Fotos schießen.

Adieu Alltagssorgen!

Der Abstieg führt über eine schrofige Platte mit Klammern und eine kleine Scharte den Fels hinab. Ich achte genau auf meine Schritte, um keinesfalls auszurutschen. „Nur noch ein paar Meter und wir haben es geschafft“, sage ich mir. Der restliche Abstieg führt gemütlich vorbei an der Laufenbergalm und durch herbstliche Wälder, bis wir schlussendlich wieder die Wegkreuzung bei der Schöffaualm erreichen. Mehrere Stunden waren wir in der Natur unterwegs und sind nur einem Pärchen begegnet. Es war eine wunderbare Flucht in die heilsamen Hände von Mutter Natur. Sozusagen ein Tagesurlaub vom Alltag. Meine Akkus sind wieder aufgeladen, mein inneres Feuer entfacht. Die neue Woche kann kommen.

Abstieg Bergwerkskogel
Beim steilen Abstieg vom Bergwerkskogel ist Vorsicht geboten.
Rettenkogel Bergwerkskogel Herbst
Der Rückweg führt durch eine Herbstlandschaft wie sie im Buche steht.

Fazit zur Tour: Wenn du gerne den Fels zwischen deinen Fingern spürst und mit einfachen Kletterpassagen vertraut bist, ist diese Wanderung genau das Richtige für dich. Die Tour ist abwechslungsreich und belohnt mit wunderschönen Tiefblicken auf den Wolfgangsee und die umliegenden Salzkammergut-Berge. Die hier beschriebene Variante der Rundtour ist die schwierigere, da man die heiklen Stellen abklettern muss. Daher wird die Tour meist in umgekehrter Richtung begangen. Aufgrund eines Unwetters im Juli 2019 ist das Betreten des Schöffaubachweges aus Haftungsgründen der Grundbesitzer bis auf weiteres untersagt (Stand Oktober 2020). Man kann jedoch alternativ über die Forststraße zur Oberen Schöffaualm wandern. Am Weg zwischen Oberer Schöffaualm und Laufenbachalm muss man genau auf die Wegmarkierungen am Boden achten, denn hier geht es querfeldein durch das Gestrüpp.

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