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Hochalpine Bergtour auf die Rinnenspitze: Mit Gletscherblick und Aussicht auf den türkisblauen Rinnensee

Ein Dreitausender ohne Gletscherkontakt. Ein Berg, dessen Gipfel sich ohne Seil und Steigeisen erreichen lässt und der dennoch echtes Hochgebirgsgefühl vermittelt. Tief unter mir leuchtet der Rinnensee in beinahe unwirklichem Türkis, während sich dahinter das Eis des Lüsener Ferners wie ein weißes Band durch die schroffen Felsen zieht. Ringsum reihen sich vergletscherte Dreitausender aneinander und bilden eine Kulisse, die mich für einen Moment alles andere vergessen lässt.

Ich stehe unter dem Gipfelkreuz der Rinnenspitze und kann den Blick kaum von dieser Landschaft lösen. Der Wind streicht über den ausgesetzten Grat, Schmelzwasser glitzert in der Sonne und irgendwo weit unten pfeift ein Murmeltier. Die Anstrengung des Aufstiegs ist längst vergessen. Stattdessen bleibt dieses vertraute Gefühl, das mich immer wieder in die Berge zieht: Ehrfurcht, Freiheit und Dankbarkeit. Dabei beginnt diese Tour überraschend gemütlich.

BergRinnenspitze
3000 m
Neustift im Stubaital, Tirol
WandernSchwierigkeit: schwerer Bergweg mit Klettersteig
Rinnenspitze-Steig (A/B)
Dauer: 10 Stunden
Länge: 23,2 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 1560 Höhenmeter
Höhenprofil & Karte
HütteFranz-Senn-Hütte
AnfahrtParkplatz Seduck im Oberbergtal
Zum Google Maps Routenplaner

Durch das Oberbergtal zur Franz-Senn-Hütte

Weil die Zufahrt zur Oberissalm derzeit gesperrt ist, startet meine Tour am Parkplatz Seduck im Oberbergtal, das ich über Neustift-Milders erreiche. Der längere Zustieg bringt zwar einige zusätzliche Kilometer mit sich, doch schon nach den ersten Minuten wird klar, dass genau darin ein besonderer Reiz liegt.

Kaum schultere ich den Rucksack, übernimmt die Natur das Kommando. Der Oberbergbach begleitet mich mit seinem kraftvollen Rauschen, während der breite Fahrweg gemächlich durch die Almlandschaft ansteigt. Kühe grasen auf saftig grünen Wiesen, ihre Glocken hallen durchs Tal und über den Gipfeln hängen noch vereinzelte Wolkenfetzen. Der Alltag bleibt Schritt für Schritt zurück.

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Die Berghütten liegen still zwischen den saftigen Almwiesen, während in der Ferne die ersten weißen Gipfel über den Bergrücken aufragen.
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Schon die ersten Meter machen Lust auf mehr: Der Weg führt über saftige Almwiesen, während die imposanten Gipfel im Hintergrund neugierig auf das machen, was noch kommt.

Ich lasse mir bewusst Zeit. Heute ist nicht nur der Gipfel das Ziel, sondern auch der Weg dorthin. Immer wieder schweift mein Blick über den Bach, der schäumend über die Felsen stürzt, und durch das weitläufige Oberbergtal. Mit jedem Kilometer rücken die Gipfel näher und zeigen mehr von ihrer hochalpinen Seite. Gerade weil hier nichts spektakulär inszeniert wirkt, entfaltet die Landschaft ihren besonderen Charme.

Nach gut einer Stunde erreiche ich die Oberissalm. Früher konnte man bis hierher fahren, heute geht es zu Fuß weiter. Ehrlich gesagt gefällt mir das sogar besser. Der längere Zustieg nimmt Tempo aus dem Tag und lässt mich ganz in der Bergwelt ankommen.

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Die Oberissalm wird in den Sommermonaten bewirtschaftet und ist ein beliebtes Ziel für Wanderer und Mountainbiker.

Ankommen beginnt lange vor der Hütte

Nun wird der Weg deutlich steiler. In zahlreichen Serpentinen schlängelt sich der Steig durch den lichten Wald und die dichte Latschen bergauf. Mit jeder Kehre öffnen sich neue Ausblicke auf das Tal, während der gleichmäßige Anstieg mich in einen angenehmen Wanderrhythmus bringt. An der Alpeinalm lege ich eine kurze Pause ein. Zum ersten Mal fällt mein Blick auf die Franz-Senn-Hütte, die sich harmonisch in die hochalpine Landschaft einfügt. Die Vorfreude auf den Hüttenabend wächst.

Hinter der Alpeinalm zeigt sich die Tour noch einmal von ihrer genussvollen Seite. Der Steig führt sanft ansteigend durch Almwiesen, begleitet vom stetigen Rauschen des Oberbergbachs. Schon an der Oberissalm hat mich ein Hinweisschild auf Murmeltiere aufmerksam gemacht. Tatsächlich entdecke ich gleich zweimal die kleinen Nager, die mich kurz mustern, bevor sie mit einem schrillen Pfiff zwischen den Felsen verschwinden.

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Während ich den letzten Abschnitt zur Hütte zurücklege, schweift mein Blick immer wieder über die weiten Almflächen hinauf zu den schroffen Gipfeln.

Kurz vor der Hütte wartet schließlich noch ein beeindruckendes Naturschauspiel. Der Weg führt direkt an zwei mächtigen Wasserfällen vorbei, deren Wassermassen mit gewaltiger Kraft ins Tal stürzen. Das Donnern erfüllt das ganze Tal, die feine Gischt sorgt für eine angenehme Abkühlung. Wenige Minuten später liegt die Franz-Senn-Hütte vor mir.

Gerade als ich die letzten Meter zurücklege, verdunkelt sich der Himmel. Aus ein paar harmlosen Tropfen wird innerhalb kürzester Zeit ein kräftiger Regenschauer. Ich ziehe die Kapuze über und muss schmunzeln. Fast wirkt es, als würde mich das Stubaital mit einer letzten Dusche willkommen heißen, bevor ich erleichtert die Hüttentür öffne.

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Der Weg fühlt sich fast meditativ an. Mit jedem Schritt wird der Kopf ein wenig leerer und das Herz ein wenig leichter.

Ein Hüttenabend voller Berggeschichten

Drinnen empfängt mich wohltuende Wärme. Ich streife die nasse Jacke ab und spüre sofort, wie die Anspannung des Zustiegs von mir abfällt. Bevor ich mich unter die anderen Gäste mische, beziehe ich mein Lager. Ich rolle den Hüttenschlafsack aus, verstaue meine Sachen und richte meinen Schlafplatz für die nächsten zwei Nächte ein. Im Lager habe ich Glück: Mein Platz liegt ganz außen und das Bett neben mir bleibt frei – mehr Komfort ist auf einer gut besuchten Berghütte kaum möglich.

Während ich meine Ausrüstung für den nächsten Tag vorbereite, wird mir bewusst, wie wenig es braucht, um sich wohlzufühlen. Ein trockenes Bett, ein Dach über dem Kopf und die Vorfreude auf den kommenden Bergtag – mehr brauche ich in diesem Moment nicht. Nach einer schnellen, warmen Dusche fühle ich mich wie ausgewechselt. Regen, Schweiß und Müdigkeit sind wie weggewaschen. Frisch und mit knurrendem Magen mache ich mich auf den Weg in den Gastraum.

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Die Franz-Senn-Hütte liegt malerisch zwischen grünen Almwiesen und den mächtigen Gipfeln der Stubaier Alpen. Benannt wurde sie nach Franz Senn, dem Pfarrer von Neustift und Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins.

Mein Platz befindet sich direkt neben der Tür. Von hier aus kann ich das bunte Treiben gut beobachten. Langsam füllt sich der Speisesaal, Rucksäcke werden in den Trockenraum gebracht, Bergschuhe gegen Hüttenschuhe getauscht und überall entstehen Gespräche zwischen Menschen, die sich vor wenigen Stunden noch völlig fremd waren. Genau diese besondere Atmosphäre liebe ich an Berghütten. Es dauert selten länger als ein paar Minuten, bis man miteinander ins Gespräch kommt.

Am Tisch sitze ich mit zwei Deutschen und zwei Belgiern. Schnell stellt sich heraus, dass wir dieselbe Leidenschaft teilen: die Berge. Einer der Deutschen arbeitet als Feuerwehrmann, seine Begleitung als Rettungssanitäterin. Wir sprechen über Touren, Klettersteige und die Unberechenbarkeit der Berge.

Die beiden Belgier erzählen lachend, dass sie heute Morgen noch gar nicht wussten, dass sie den Abend auf der Franz-Senn-Hütte verbringen würden. „Wir haben spontan beschlossen, ins Stubaital zu fahren“, erzählt einer grinsend. Solche Geschichten hört man auf Berghütten immer wieder. Oft sind es gerade die spontanen Entscheidungen, die am längsten in Erinnerung bleiben.

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Die Franz-Senn-Hütte liegt auf 2.147 Metern und ist eine der wichtigsten Hütten entlang des Stubaier Höhenwegs. Von hier starten zahlreiche alpine Touren, Gipfelbesteigungen und Gletscherwanderungen.

Zwischen Regen, Knödeln und Gipfelmomenten

Zum Abendessen wird zunächst eine heiße Suppe serviert, gefolgt von Spinatknödeln als Hauptgang. Den Abschluss bildet ein kleiner Germknödel – nach dem langen Zustieg genau die richtige süße Belohnung. Ob wegen der frischen Bergluft oder der vielen Höhenmeter – selten schmeckt ein Hüttenessen so gut wie nach einem Tag in den Bergen. Während draußen der Regen gegen die Fensterscheiben trommelt, sitzen wir noch lange zusammen und unterhalten uns über vergangene Touren und zukünftige Ziele.

Immer wieder fällt der Name des Stubaier Höhenwegs. Viele Gäste sind bereits seit mehreren Tagen unterwegs oder starten morgen zur nächsten Etappe. Ich höre zu, als von ausgesetzten Übergängen, langen Tagesetappen und spektakulären Ausblicken erzählt wird. Mit jeder Geschichte wächst meine Lust, diesen berühmten Weitwanderweg irgendwann selbst einmal komplett zu gehen.

Irgendwann wird es im Gastraum ruhiger. Die ersten verabschieden sich mit einem freundlichen „Gute Nacht“, denn am nächsten Morgen klingeln auf der Hütte unzählige Wecker lange vor Sonnenaufgang. Schließlich ziehe auch ich mich in mein Lager zurück. Während draußen langsam wieder Ruhe einkehrt und nur noch das Rauschen des Baches zu hören ist, stelle ich den Wecker auf den frühen Morgen. Morgen wartet die Rinnenspitze.

Früh raus – der Berg wartet

Noch bevor draußen die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel erreichen, herrscht auf der Hütte bereits geschäftiges Treiben. Türen öffnen und schließen sich, irgendwo raschelt ein Rucksack und aus dem Gastraum steigt der Duft von frischem Kaffee nach oben. Das Frühstück ist schnell erledigt. Nicht, weil es nicht schmeckt – ganz im Gegenteil. Doch heute zieht es mich nach draußen. Immer wieder wandert mein Blick durch das Fenster hinauf in Richtung Rinnenspitze. Der Himmel zeigt sich freundlich und verspricht einen herrlichen Bergtag.

Ich schnappe mir meinen Rucksack, ziehe die Schuhe fest und trete vor die Hütte. Die frische Morgenluft fühlt sich angenehm kühl an. Für einen Moment bleibe ich stehen und genieße die Stille. Nur das Rauschen des Alpeiner Bachs begleitet meinen ersten Schritt. Dann geht es endlich los – dem Rinnensee und meinem ersten Dreitausender in diesem Jahr entgegen.

Wo die Berge langsam ihre Farbe verlieren

Noch liegt die Franz-Senn-Hütte im Schatten, als ich meinen Rucksack schultere und den Wegweisern Richtung Rinnensee und Rinnenspitze folge. Nach dem gemütlichen Hüttenabend und der kurzen Nacht fühlen sich die Beine erstaunlich frisch an. Die Luft ist angenehm kühl, und jeder Atemzug erinnert mich daran, dass ich mich mittlerweile mitten im Hochgebirge befinde.

Von der Hütte gehe ich zunächst hinunter zum Alpeiner Bach. Das Wasser rauscht lautstark talwärts und erinnert daran, wie lebendig diese Landschaft ist. Über eine Brücke gelange ich auf die andere Bachseite, bevor der Weg langsam an Höhe gewinnt. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen nun die umliegenden Gipfel und tauchen die grauen Felswände in ein warmes Licht. Immer wieder drehe ich mich um. Hinter mir wirkt die Franz-Senn-Hütte mit jeder Minute kleiner, während sich das Oberbergtal immer weiter öffnet.

Kurze Zeit später gelange ich zu einer kurzen seilversicherten Stelle, die über eine luftige Passage hinwegführt. Sie ist technisch unschwierig, sorgt aber dafür, dass sich die Tour für einen Moment deutlich alpiner anfühlt.

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Hinter der Franz-Senn-Hütte bauen sich die mächtigen Dreitausender der Stubaier Alpen auf und lassen die Dimensionen der Bergwelt eindrucksvoll erahnen.

Dem ewigen Eis entgegen

Mit jedem Schritt verändert sich die Landschaft. Die letzten steilen Grashänge bleiben zurück, stattdessen dominieren Geröll, Fels und einzelne Schneefelder das Bild. Vor mir ragen die vergletscherten Gipfel des Stubaitals in den Himmel und verleihen der Tour eine eindrucksvolle hochalpine Kulisse. Obwohl der Weg technisch weiterhin unkompliziert ist, wird mir bewusst, dass ich mich einer ganz anderen Welt nähere – einer Welt, in der Eis, Fels und Schnee seit Jahrtausenden die Landschaft prägen.

Nach einigen steilen Kehren führt der Steig in einer langen Hangquerung nach links zu einer Holzbank mit Tisch. Von hier lässt sich die Rinnenspitze bereits erkennen, doch der Rinnensee verbirgt sich noch hinter einem Berghang. „Jetzt müsste er doch langsam auftauchen“, denke ich und gönne mir einen kurzen Schluck Wasser.

Anschließend überquere ich eine flache Ebene mit einem kleinen See und gelange in grobes Blockwerk. Über die riesigen Felsbrocken arbeite ich mich Schritt für Schritt weiter bergauf. Schließlich erreiche ich einen Wegweiser, an dem der Steig zum Rinnensee abzweigt. Ich halte mich jedoch weiter Richtung Rinnenspitze. Die angeschriebenen 45 Minuten wirken auf mich ziemlich ambitioniert – doch zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich mich damit täuschen sollte.

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Unmerklich verändert die Landschaft ihr Gesicht. Das satte Grün verliert sich zwischen den Steinen, bis schließlich nur noch Fels, Geröll und die Farben des Hochgebirges den Weg bestimmen.

Loslassen fällt schwer

Der weitere Weg windet sich in zahlreichen steilen Kehren bergauf. Mit jedem Höhenmeter wächst die Vorfreude. „Jetzt muss der See wirklich gleich kommen.“ Und plötzlich blitzt zwischen den Felsen etwas Türkises auf. „Nein, oder?“ Für einen Moment glaube ich, mich getäuscht zu haben. Doch mit jedem weiteren Schritt wird die Farbe intensiver. Wenige Minuten später liegt er vollständig vor mir: der Rinnensee. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. „Wow.“ Mehr bringe ich in diesem Augenblick nicht heraus.

Der See leuchtet in einem Türkis, das beinahe unwirklich wirkt. Je nach Lichteinfall wechseln die Farben zwischen Smaragdgrün, intensivem Türkis und einem milchigen Blau. Kleine Windböen kräuseln die Wasseroberfläche und lassen sie glitzern, als wären unzählige Edelsteine darüber verstreut. Umgeben von grauem Blockwerk und den schroffen Felsflanken der Dreitausender entsteht ein Farbkontrast, der faszinierender kaum sein könnte.

Ich setze mich auf einen großen Stein und lasse die Szenerie in aller Ruhe auf mich wirken. Obwohl ich schon unzählige Bergseen gesehen habe, besitzt dieser seinen ganz eigenen Charakter. Er zieht die Blicke magisch an und wirkt fast wie ein kostbares Juwel, das mitten in dieser rauen Hochgebirgslandschaft verborgen liegt.

Natürlich zücke ich die Kamera. Ein Foto, noch eines, dann noch eines. Ich wechsle den Standort, probiere verschiedene Perspektiven aus und denke dabei: „Das kann kein Foto so wiedergeben, wie es hier wirklich aussieht.“ Schon während ich fotografiere, weiß ich, dass keines der Bilder später das wiedergeben wird, was ich gerade empfinde. Manche Orte muss man einfach selbst erleben. Nach einer kurzen Pause reiße ich mich schließlich los. „Na gut“, sage ich leise zu mir selbst. „Die Rinnenspitze wartet noch.“ So schwer es auch fällt – der eigentliche Höhepunkt des Tages liegt noch vor mir.

Der Berg zeigt seinen wilden Charakter

Hinter dem Rinnensee verändert sich der Weg schlagartig. Der schmale Steig verliert sich zunehmend zwischen riesigen Felsblöcken. Das satte Grün ist endgültig verschwunden und macht einer kargen Steinlandschaft Platz. Die Orientierung bleibt dank der roten Markierungen problemlos, trotzdem verlangt das Blockwerk deutlich mehr Aufmerksamkeit. Immer wieder sind hohe Schritte notwendig, manchmal müssen auch die Hände mithelfen.

Mit jedem Meter rückt die Rinnenspitze näher. Von hier wirkt sie wie eine gewaltige Felspyramide, deren Gipfel überraschend steil in den Himmel ragt. Jetzt verstehe ich auch, warum sie trotz ihres vergleichsweise einfachen Normalwegs Respekt einflößt. In der Ferne erkenne ich bereits das Stahlseil des Klettersteigs. Kleine bunte Punkte bewegen sich langsam über den Grat – Bergsteiger, die ihrem Gipfelziel bereits ein Stück näher gekommen sind.

„Na, dann bin ich wohl als Nächstes dran“, denke ich schmunzelnd. Die letzten Meter bis zum Einstieg ziehen sich noch einmal ordentlich. Das Gelände wird steiler, der Puls steigt und die Höhenmeter machen sich langsam bemerkbar. Trotzdem wächst mit jedem Schritt die Vorfreude. Genau für solche Momente bin ich heute hier.

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Plötzlich liegt er vor mir – der Rinnensee, dessen intensives Türkis einen für einen Moment alles um sich herum vergessen lässt.

Die ersten Meter am Fels

Am Einstieg bleibe ich kurz stehen. Ich trinke einen Schluck, atme noch einmal tief durch. Entlang einer großen Felsplatte sind Eisenklammern und ein Stahlseil gespannt. Ich packe meine Stöcke beiseite und ziehe mich hoch. Mit hohen Tritten und etwas Kraft meistere ich diese Passage. Obwohl ich genau weiß, was ich tue, bin ich angespannt. Mein Atem wird schneller, und mein Puls steigt.

Die ersten Meter im Klettersteig fühlen sich vertraut an. Ich konzentriere mich auf jeden einzelnen Griff, setze die Füße bewusst und suche mir für jeden Schritt einen sicheren Stand. Der Steig ist technisch nicht besonders schwierig, verlangt aber volle Aufmerksamkeit. Genau das gefällt mir. Hier zählt nicht Geschwindigkeit, sondern sauberes Klettern.

Obwohl ich mittlerweile einige Klettersteige gegangen bin und weiß, was ich tue, ist da dieses leichte Kribbeln, das mich vor jeder Tour begleitet. Es ist keine Angst – vielmehr Respekt. Respekt vor dem Gelände, vor dem Fels und vor der Verantwortung, die jeder selbst am Berg trägt. Genau dieser Respekt sorgt dafür, dass ich ruhig bleibe und mich voll auf den nächsten Zug konzentriere.

Die Überraschung hinter der Felskante

Das Stahlseil führt in angenehmer Steigung über feste Felsen nach oben. Der Blick wandert immer wieder zu den umliegenden Gipfeln, doch lange halte ich ihn dort nicht. Jetzt zählt jeder Griff. Plötzlich höre ich Stimmen von weiter oben. „Komm schnell! Das musst du dir anschauen!“ Neugierig blicke ich nach oben. Offenbar hat jemand etwas entdeckt. Ich klettere weiter, überwinde eine kleine Felsstufe und ziehe mich über die nächste Kante. Dann bleibe ich wie angewurzelt stehen. „Wow …“ Mehr bringe ich in diesem Moment nicht heraus.

Direkt unter mir breitet sich der Lüsener Ferner aus. Das gewaltige Gletscherfeld zieht sich wie ein breiter, weißer Strom durch die dunklen Felsen und verschwindet zwischen den mächtigen Gipfeln des Stubaitals. Überall glitzert das Eis in der Morgensonne, während sich feine Schmelzwasserbäche ihren Weg talwärts suchen. Erst jetzt wird mir bewusst, wie nah ich dem Gletscher tatsächlich gekommen bin.

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Der Lüsener Ferner erstreckt sich eindrucksvoll unterhalb der Rinnenspitze und gehört zu den markanten Gletschern der Stubaier Alpen, auch wenn er sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgezogen hat.

Ich bleibe mehrere Minuten stehen. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich gar nicht anders kann. Es gibt Momente in den Bergen, in denen man automatisch zur Kamera greift. Und dann gibt es diese wenigen Augenblicke, in denen man sie bewusst in der Tasche lässt. Weil kein Foto das wiedergeben kann, was man gerade empfindet. Genau so ein Moment ist das hier. Natürlich entstehen später trotzdem einige Bilder. Aber schon beim Blick auf das Display weiß ich, dass sie der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Die Größe der Landschaft, die Stille und dieses Gefühl, mitten zwischen Fels und Eis zu stehen, lassen sich nicht fotografieren.

Über den luftigen Ostgrat

Schließlich reiße ich mich los und folge dem Stahlseil weiter nach oben. Mit jedem Meter wird der Grat ausgesetzter. Rechts und links fällt das Gelände steil ab und plötzlich ist da dieses Gefühl, auf einem schmalen Grat zwischen Himmel und Tal unterwegs zu sein. Ich spüre den Wind im Gesicht und nehme jeden Schritt ganz bewusst wahr.

Die Konzentration ist jetzt größer denn je. Jeder Griff muss sitzen. Jeder Tritt ebenso. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und nicht zu hastig zu werden. Jeder Schritt erfolgt bewusst. Erst wenn ich sicher stehe, suche ich den nächsten Griff. Der Fels ist rau und griffig – genau das gibt mir das Vertrauen, das ich in diesem Moment brauche. Langsam verwandelt sich die anfängliche Anspannung in Freude. Ich merke, wie flüssig die Bewegungen werden. Fast automatisch finde ich die richtigen Griffe und Tritte. Der Berg scheint seinen Rhythmus vorzugeben, und ich folge ihm. „Genau so“, denke ich lächelnd. „Schritt für Schritt.“

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Der Gipfelgrat sorgt noch einmal für einen kleinen Adrenalinschub. Ausgesetzt, aber gut begehbar, verlangt er Konzentration und einen sicheren Tritt. Gleichzeitig belohnt jeder Schritt mit neuen Ausblicken auf die umliegenden Dreitausender und den Lüsener Ferner.

Die letzten Meter zum Gipfel gehören zweifellos zu den schönsten der gesamten Tour. Der Grat ist luftig, aber nie unfair. Immer wieder öffnet sich der Blick auf den türkis leuchtenden Rinnensee, der inzwischen weit unter mir liegt und aus dieser Perspektive noch intensiver wirkt. Dahinter ziehen sich die Gletscher durch die Hochgebirgslandschaft und machen deutlich, wie eindrucksvoll das Stubaital ist. Dann taucht plötzlich das Gipfelkreuz vor mir auf. Noch ein paar Schritte. Noch einmal tief durchatmen. Und schließlich stehe ich oben.

Gipfelglück auf exakt 3.000 Metern

Als ich den Gipfel erreiche, herrscht eine fast unwirkliche Stille. Es ist unter der Woche, und zu meiner Überraschung stehe ich ganz allein auf der Rinnenspitze. Kein Stimmengewirr, keine Hektik – nur der Wind, der über den Gipfel streicht. Ich lege den Rucksack ab und lasse den Blick schweifen. Was für ein Panorama.

Nach rechts zieht sich der Lüsener Ferner eindrucksvoll durch das Tal. Dahinter ragen der Lüsener Fernerkogel und zahlreiche weitere Dreitausender in den Himmel. Tief unter mir leuchtet der Rinnensee in seinem intensiven Türkis und wirkt aus dieser Perspektive wie ein kleiner Edelstein, eingebettet in das graue Blockwerk der hochalpinen Landschaft. Im Westen fallen die markanten Kalkkögel sofort ins Auge, daneben prägen der Habicht und die vergletscherten Alpeiner Berge das Panorama. Selbst die Zugspitze zeichnet sich am Horizont ab.

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Ich könnte stundenlang hier sitzen und einfach nur schauen. Der Gletscher strahlt eine Ruhe aus, die mich sofort entschleunigt.

Langsam drehe ich mich einmal um die eigene Achse und entdecke immer neue Gipfel. Die Aussicht scheint kein Ende zu nehmen. Allein hier oben fühlt sich die Welt plötzlich ganz weit weg an. Die Anspannung des Ostgrats ist längst verflogen und macht einer tiefen Ruhe Platz. „Dafür hat sich jeder einzelne Schritt gelohnt“, sage ich leise zu mir selbst.

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Der Rinnensee ist ein typischer Hochgebirgssee, der durch Schmelzwasser aus den umliegenden Gipfeln und Schneefeldern gespeist wird. Seine intensive türkis-blaue Farbe entsteht durch feine Gesteinspartikel, die das Sonnenlicht reflektieren.

Wo Mut zu Erinnerungen wird

Ich muss unwillkürlich lächeln. Nicht, weil ich auf einem Dreitausender stehe, sondern weil ich den Mut hatte, den Weg bis hierher zu gehen. Jeder Höhenmeter, jede ausgesetzte Passage und jeder Moment der Konzentration haben mich genau hierher geführt. Zwischen den mächtigen Gipfeln, den uralten Gletschern und dieser gewaltigen Landschaft wird mir bewusst, wie klein der Mensch eigentlich ist. Die Berge lassen sich nicht bezwingen – sie erlauben uns höchstens, für einen kurzen Moment Teil ihrer Welt zu sein.

Ich atme tief durch und genieße diesen Augenblick. Tief unter mir leuchtet der Rinnensee, während sich auf der anderen Seite der Lüsener Ferner durch das Tal zieht. Erst nach einer ganzen Weile schultere ich meinen Rucksack. Ich werfe noch einen letzten Blick über dieses Panorama und mache mich an den Abstieg. Über den luftigen Ostgrat geht es zurück zum Rinnensee und schließlich zur Franz-Senn-Hütte. Der Weg ist derselbe wie am Morgen. Doch ich gehe ihn mit einem Lächeln im Gesicht – und mit der Gewissheit, dass die schönsten Momente oft dort entstehen, wo man den Mut hat, noch einen Schritt weiterzugehen.

Fazit zur Tour: Die Rinnenspitze ist eine Bergtour, die mich von Anfang bis Ende begeistert hat. Kaum eine Passage gleicht der anderen: Der Weg führt durch grüne Almwiesen, vorbei am malerischen Rinnensee, über blockiges Gelände und schließlich durch einen kurzen Klettersteig hinauf zum aussichtsreichen Gipfelgrat. Mit dem Lüsener Ferner stets im Blick wird jeder Höhenmeter mit einer noch eindrucksvolleren Aussicht belohnt.

So abwechslungsreich die Tour auch ist, unterschätzen solltest du sie keinesfalls. Allein der Zustieg zur Franz-Senn-Hütte dauert rund drei Stunden, von dort sind es nochmals etwa zweieinhalb Stunden bis auf den Gipfel. Als Tagestour ist die Rinnenspitze deshalb nur für sehr konditionsstarke Bergsteiger empfehlenswert. Viel entspannter – und meiner Meinung nach auch schöner – ist eine Übernachtung auf der Franz-Senn-Hütte. So kannst du die beeindruckende Bergwelt in aller Ruhe genießen und startest am nächsten Morgen ausgeruht in den Gipfeltag.

Der obere Abschnitt verlangt dann noch einmal volle Konzentration. Der kurze Klettersteig und der ausgesetzte Gipfelgrat sind das absolute Highlight der Tour, erfordern aber Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und einen sicheren Tritt. Wenn du in Klettersteigen noch ungeübt bist oder dich in ausgesetztem Gelände nicht ganz wohlfühlst, solltest du hier unbedingt ein Klettersteigset verwenden. Mit dem nötigen Respekt und einer guten Vorbereitung erwartet dich eine unvergessliche Tour auf einen der schönsten Dreitausender im Stubaital.

Damit du den zeitlichen Aufwand der Tour besser einschätzen und deine Tour entsprechend planen kannst, findest du hier die Gehzeiten der einzelnen Etappen im Überblick:

Parkplatz Seduck → Franz-Senn-Hütte: ca. 3 Stunden
Franz-Senn-Hütte → Rinnenspitze: ca. 2,5 Stunden
Rinnenspitze → Parkplatz Seduck: ca. 4,5 Stunden

Insgesamt solltest du mit einer reinen Gehzeit von ca. 10 Stunden rechnen.

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