Inhaltsverzeichnis
Über den Wolken des Pinzgaus
Der Großvenediger steht vor mir wie ein König der Hohen Tauern. Seine mächtige, schneeweiße Kuppe hebt sich vom tiefblauen Himmel ab, während sich ringsum eine scheinbar endlose Kette aus Gipfeln, Graten und Gletschern bis zum Horizont zieht. Ich stehe am Gipfelkreuz des Larmkogels, lasse den Blick schweifen und weiß für einen Moment gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll. Nach Osten dominiert der Großglockner die Szenerie, im Süden leuchten die Gletscherflächen der Venedigergruppe, im Westen reicht der Blick tief hinein ins Habachtal und nach Norden breiten sich die sanften Grasberge der Kitzbüheler Alpen aus.
Es ist einer dieser seltenen Augenblicke, in denen man nicht sofort zur Kamera greift. Stattdessen steht man einfach nur da und versucht, die Landschaft in sich aufzunehmen. Der Wind streicht sanft über den Gipfelgrat, die Sonne wärmt bereits angenehm und irgendwo zwischen all den Bergen stellt sich jenes Gefühl ein, das wohl jeder Bergsteiger kennt: eine Mischung aus tiefer Zufriedenheit, Dankbarkeit und dem Bewusstsein, gerade an einem ganz besonderen Ort stehen zu dürfen.
Neben mir lehnt Dietmar am Gipfelkreuz. Vor wenigen Minuten hat er seinen ersten Dreitausender bestiegen. Noch immer blickt er beinahe ungläubig auf die gewaltige Bergwelt vor uns, als müsse er sich vergewissern, dass all das tatsächlich Wirklichkeit ist. „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal hier oben stehen würde“, sagt er schließlich leise. In diesem Moment ahne ich bereits, dass mir nicht nur die Aussicht dieses Tages in Erinnerung bleiben wird.
| Berg | Larmkogel 3017 Meter Hollersbach im Pinzgau, Salzburg |
| Wandern | Schwierigkeit: schwerer Bergweg mit kurzer versicherter Stelle zum Gipfel Dauer: 8,5 Stunden Länge: 10,3 Kilometer Aufstieg/Abstieg: 1500 Höhenmeter Höhenprofil & Karte |
| Hütte | Neue Fürther Hütte |
| Anfahrt | Parkplatz beim Gasthaus Seestube am Taleingang zum Hollersbachtal Fahrt mit dem Hüttentaxi (Reservierung erforderlich) bis zur Materialseilbahn (ca. 30 bis 40 min.) Mehr Infos zum Hüttentaxi Zum Google Maps Routenplaner |
Hinein ins Hollersbachtal
Begonnen hat alles bereits am Vortag. Die Fahrt mit dem Hüttentaxi hinein ins Hollersbachtal fühlt sich an wie der Auftakt zu einer kleinen Reise. Natürlich könnte man die rund vier Stunden bis zur Talstation der Materialseilbahn auch zu Fuß zurücklegen oder mit dem Mountainbike zurücklegen – eine Fahrradgarage steht dort ebenfalls zur Verfügung. Da ich die Zeit lieber in der hochalpinen Bergwelt rund um die Hütte verbringen möchte, entscheide ich mich jedoch für das Taxi.
Mit jeder Kurve rücken die Berge näher zusammen, die Hänge werden steiler und die Landschaft ursprünglicher. Der Hollersbach begleitet die Straße mit seinem unaufhörlichen Rauschen, Wasserfälle stürzen über die Felsen talwärts und über den Almen liegt noch die Ruhe eines Sommermorgens. Ich sitze am Fenster und beobachte die vorbeiziehende Landschaft. Das Tal wirkt wie eine langsame Annäherung an die Hochgebirgswelt. Die grünen Wiesen und Almen dominieren zunächst das Bild, doch je weiter man hineinfährt, desto mehr übernehmen Felsen, Wasserfälle und die mächtigen Gipfel am Talschluss die Regie. An der Talstation der Materialseilbahn endet die Fahrt. Während das Taxi wieder Richtung Tal verschwindet, schultere ich meinen Rucksack und blicke hinauf zu den Bergen. Vor mir liegen drei Tage in einer Landschaft, die mich schon jetzt verzaubert.



Dort, wo das Tal seine Geschichten flüstert
Der Weg zur Neuen Fürther Hütte gewinnt rasch an Höhe. Schon nach wenigen Minuten bleibt das Tal langsam unter mir zurück, während der Steig durch dichtes Erlengebüsch bergauf führt. Tief unten rauscht der Weißeneckerbach, dessen Geräusch mich noch lange begleitet und immer wieder zwischen den Felsen hervordringt. Es sind diese ersten Stunden einer Bergtour, die ich besonders liebe. Der Körper findet seinen Rhythmus, die Gedanken werden ruhiger und mit jedem Schritt scheint ein Stück Alltag zurückzubleiben. Die Welt wird plötzlich einfacher. Der nächste Schritt, der Weg vor einem und die Landschaft ringsum reichen völlig aus.
Durch den sogenannten Wasserlahner überwindet der Steig die erste steile Geländestufe. Danach öffnet sich die Landschaft und ich erreiche das Vordermoos. Die Hänge werden sanfter, die Sicht weiter und der Weg führt in einem weiten Rechtsbogen bergauf zum Stoamanderl. Dieser markante Steinmann steht auf einer kleinen Anhöhe und ist schon von weitem zu erkennen. Direkt daneben befindet sich ein runder Tisch aus einer mächtigen Steinplatte, als hätte ihn jemand eigens an diesem Platz für müde Wanderer errichtet.

Unterwegs zur Neuen Fürther Hütte
Natürlich bietet sich hier eine erste längere Rast an. Ich lasse den Rucksack kurz von den Schultern gleiten und genieße die Aussicht. Vor mir breitet sich das Hollersbachtal in seiner ganzen Schönheit aus. Der Blick reicht über das Vordermoos und Hintermoos bis weit zum Talschluss, wo sich der mächtige Tauernkogel erhebt. Die klare Bergluft lässt jede Kontur gestochen scharf erscheinen und verleiht der Landschaft eine beeindruckende Tiefe. Für einige Minuten bleibe ich einfach sitzen und verfolge mit den Augen die Linien der Berge bis zum Talschluss. Nur das entfernte Rauschen des Wassers und gelegentliche Vogelstimmen durchbrechen die Stille.

Anschließend führt der Weg leicht abfallend in westlicher Richtung weiter. Über einen kleinen, leicht wackeligen Steg überquere ich den Weißeneckerbach im Bereich der Weißeneckeralm. Das Wasser rauscht unter mir talwärts, während sich oberhalb bereits die nächste Geländestufe aufbaut. Wenig später zieht der Steig in zahlreichen Serpentinen bergauf. Begleitet wird dieser Abschnitt vom eindrucksvollen Seebachfall, dessen Wassermassen donnernd über mehrere Felsstufen ins Tal stürzen. Schon von weitem ist sein Rauschen zu hören, doch je näher man kommt, desto gewaltiger wirkt dieses Naturschauspiel. Für einige Minuten bleibe ich stehen und beobachte das Wasser, das unaufhörlich über die dunklen Felsen tost. Die feinen Wassertröpfchen liegen in der Luft und sorgen selbst an warmen Sommertagen für eine angenehme Abkühlung.
Mit jedem Höhenmeter legt die Bergwelt ein weiteres Stück ihrer Schönheit frei. Schließlich erscheint hoch über mir die Neue Fürther Hütte, die auf einer Geländeschulter thront und von ihrer exponierten Lage aus beinahe wie ein Adlerhorst wirkt. Nach dem Aufstieg fühlt sich ihr Anblick wie eine Einladung an, für einige Stunden den Alltag endgültig hinter sich zu lassen.
Ein Nachmittag zum Verweilen
Nachdem das Zimmer bezogen ist, beginnt jener Teil einer Hüttentour, den man viel zu oft unterschätzt. Der Nachmittag. Keine Gipfelziele mehr. Kein Zeitdruck. Keine Hektik. Mit einem großen Stück Kuchen und einem erfrischenden Getränk lasse ich mich auf einem Liegestuhl vor der Hütte nieder. Vor mir glitzert der Kratzenbergsee im Licht des Nachmittags, dahinter steigen die Hänge hinauf zu den Gipfeln, die morgen mein Ziel sein werden.
Die Stunden verstreichen mit einer angenehmen Langsamkeit. Wanderer kommen und gehen, bestellen Getränke, erzählen von ihren Touren und genießen die Sonne. Aus der Hütte dringt das Klappern von Geschirr, irgendwo wird gelacht und über allem liegt jene entspannte Atmosphäre, die man nur auf Berghütten findet. Ich lehne mich zurück und genieße die Ruhe, während mein Blick über das Wasser gleitet. In solchen Momenten wird einem bewusst, wie wenig es eigentlich braucht, um zufrieden zu sein. Ein freier Nachmittag in den Bergen, ein Stück Kuchen und eine Aussicht, die man stundenlang betrachten könnte.


Später gehe ich hinunter ans Ufer des Kratzenbergsees. Das Wasser liegt ruhig zwischen Felsen und Almwiesen. Die umliegenden Berge spiegeln sich darin so perfekt, dass für einen Augenblick kaum zu erkennen ist, wo das Spiegelbild endet und die Wirklichkeit beginnt. Mit einer Fläche von rund 24 Hektar gilt der auf 2.167 Metern gelegene Kratzenbergsee als der größte natürliche Bergsee im Nationalpark Hohe Tauern. Ich setze mich auf einen Felsen und bleibe lange dort sitzen. Die Füße strecke ich ins kalte Wasser und genieße die wohltuende Frische. Kein Handy. Keine Musik. Nur Wasser, Berge und Stille. Hier oben spüre ich besonders deutlich, wie wenig es manchmal braucht, um zufrieden zu sein. Einfach nur dasitzen, schauen und für eine Weile nichts tun müssen.



Wenn die Berge Geschichten erzählen
Am Abend füllt sich die Gaststube der Hütte langsam mit Leben. Der Duft des Abendessens liegt in der Luft, Gläser klirren, Wanderstöcke lehnen an den Wänden und überall wird geplaudert. Ich sitze gemeinsam mit einer Familie aus dem Gasteinertal am Tisch. Wie so oft auf Hütten dauert es nicht lange, bis man miteinander ins Gespräch kommt. Aus einigen Sätzen über Wetter und Touren werden Stunden voller Geschichten.
Der Familienvater erzählt von einer Trekkingreise nach Nepal. Von staubigen Wegen im Khumbu-Gebiet, von kleinen Teehäusern, flatternden Gebetsfahnen und Sonnenaufgängen vor den gewaltigen Achttausendern des Himalaya. Während ich zuhöre, wandert mein Blick immer wieder zum Fenster hinaus in die Dunkelheit. Natürlich sind die Berge dort höher. Doch in diesem Moment erscheint mir die Bergwelt rund um die Neue Fürther Hütte nicht weniger beeindruckend. „Natürlich sind die Berge dort größer“, sagt er irgendwann. „Aber Schönheit hat nichts mit Höhe zu tun.“ Ein Satz, der mir noch lange im Kopf bleibt.
Die stille Stunde vor dem Morgen
Irgendwo gegen fünf Uhr morgens klingelt der Wecker. Für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Dann erkenne ich die Holzdecke des Lagers und erinnere mich an den gestrigen Abend. Draußen ist es noch völlig dunkel. Im Raum herrscht bereits Bewegung. Stirnlampen flackern auf, Schlafsäcke rascheln und aus dem Gang dringt das dumpfe Geräusch von Bergschuhen auf dem Holzboden.
Der Tag beginnt wie auf vielen Berghütten: mit Zahnbürste, müden Gesichtern und einer kleinen Schlange vor dem Waschraum. Kurze Begrüßungen werden ausgetauscht, während die ersten Gedanken bereits um einen heißen Kaffee kreisen. Die Wetterprognose verspricht einen sonnigen Vormittag, für den Nachmittag sind Gewitter angekündigt. Entsprechend früh herrscht bereits Betrieb auf der Hütte. Noch etwas verschlafen sitzen die ersten Wanderer beim Frühstück, tauschen sich über ihre Tourenziele aus und werfen immer wieder einen Blick hinaus in den langsam heller werdenden Morgen. Die Gespräche drehen sich um Gipfel, Wegverhältnisse und Wetterberichte. Trotz der frühen Stunde liegt eine spürbare Vorfreude in der Luft – schließlich beginnt für alle gleich ein neuer Tag in den Bergen.

Schritt für Schritt ins Hochgebirge
Als ich die Hütte verlasse, ruht der Kratzenbergsee noch im Schatten der Nacht. Über den Mulden und Senken liegt ein letzter Hauch von Dunkelheit, während die ersten Sonnenstrahlen bereits die höchsten Gipfel der Hohen Tauern in warmes Licht tauchen. Die Bergwelt scheint langsam zu erwachen. Die Luft ist kühl und glasklar, jeder Atemzug fühlt sich frisch und belebend an. Für einen Moment bleibe ich stehen und beobachte, wie das Licht Zentimeter für Zentimeter die Landschaft erobert. Außer dem leisen Plätschern des Wassers und dem fernen Ruf eines Vogels ist nichts zu hören.
Rund um die Hütte ist es noch angenehm ruhig. Die Hektik des Tages hat hier oben noch keinen Platz. Aus der Gaststube dringen vereinzelt Stimmen nach draußen, ansonsten bestimmen Vogelgezwitscher, das leise Rauschen des Seebachs und die beeindruckende Stille der Berge den Morgen. Über mir spannt sich ein wolkenloser Himmel. Besser könnten die Bedingungen kaum sein. Die Vorfreude auf den Larmkogel wächst mit jedem Blick hinauf zu den noch im Schatten liegenden Hängen.

Ein schmaler Holzsteg bringt mich trocken über den Seebach. Dahinter führt der markierte Steig zunächst über sanfte Almwiesen bergauf. Im schrägen Morgenlicht wirken die Hänge beinahe golden. Vorbei an einer kleinen Lacke gewinne ich rasch an Höhe. Als ich mich umdrehe, liegt die Neue Fürther Hütte bereits etwas tiefer unter mir. Daneben glitzert der Kratzenbergsee, dessen dunkle Wasserfläche die umliegenden Berge widerspiegelt. Immer wieder bleibe ich kurz stehen. Nicht aus Erschöpfung, sondern weil dieser Morgen zu schön ist, um einfach an ihm vorbeizugehen. Die Hütte wird kleiner, der See rückt tiefer ins Tal und für einen Augenblick wandern die Gedanken zurück zum gestrigen Nachmittag auf der Sonnenterrasse. Kaum zu glauben, dass ich dort erst vor wenigen Stunden bei Kaffee und Kuchen in der Sonne gesessen bin. Jetzt liegt derselbe Ort bereits weit unter mir.


„Wenn der Tag so beginnt, kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen“, denke ich mir und setze meinen Weg fort. Der Steig zieht sich in langen Kehren den Hang hinauf und gewinnt dabei stetig an Höhe. Mit jedem Schritt wächst die Weite. Das Hollersbachtal bleibt immer weiter unter mir zurück, während die Gipfel der Hohen Tauern scheinbar näher rücken und den Horizont ausfüllen. Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Bergwelt in warmes Licht und verleihen ihr eine besondere Klarheit. Noch prägen grüne Hänge, Almwiesen und vereinzelte Zirben das Bild. Doch die Landschaft wandelt sich zusehends. Das Grün verliert an Dominanz, Felsen treten hervor und das Hochgebirge zeigt nach und nach sein raues, ursprüngliches Gesicht.


Wo die grüne Welt langsam verschwindet
Der Weg führt nun durch das Kratzenberger Steinkarl. Die Hänge sind zunächst noch begrünt, doch nach und nach werden die Wiesen kleiner und die Felsen größer. Aus Almgelände wird Hochgebirge. Die Landschaft wirkt plötzlich ernster, rauer und größer. Die sanften Formen rund um die Hütte verschwinden langsam hinter mir und machen Platz für jene steinerne Welt, die man mit einem Dreitausender verbindet. Der Steig zieht sich durch ein weitläufiges Blockfeld, in dem unzählige Felsblöcke über den Hang verstreut liegen. Dazwischen windet sich der Weg in zahlreichen Serpentinen bergauf.

Je höher ich komme, desto karger und ursprünglicher wirkt die Landschaft. Nur vereinzelt klammern sich noch Gräser und alpine Pflanzen zwischen die Steine. Die Vegetation verschwindet zunehmend und macht einer rauen Hochgebirgswelt Platz. Der Kratzenbergsee liegt inzwischen weit unter mir, die Hütte wirkt nur noch wie ein kleiner Punkt in der Landschaft. „Unglaublich, wie schnell man hier oben in eine völlig andere Welt eintaucht“, denke ich mir, während ich noch einmal zurückblicke.

Trotz der Anstrengung empfinde ich diesen Abschnitt als besonders eindrucksvoll. Die Geräusche des Tales sind längst verstummt. Nur das Knirschen der Schuhe auf dem steinigen Untergrund und das gelegentliche Pfeifen eines Murmeltiers begleiten den Aufstieg. Der Rhythmus der Schritte wird gleichmäßig, beinahe meditativ. Hinter jeder Kehre schiebt die Landschaft eine neue Kulisse ins Bild, hinter jeder Geländekante scheint die Bergwelt noch ein Stück größer zu werden.
Im Rhythmus des Berges
Es sind genau diese Stunden am Berg, die ich besonders schätze. Der Weg zieht sich in gleichmäßigen Kehren den Hang hinauf und mit jedem Schritt lasse ich das Tal ein wenig weiter hinter mir zurück. Die Welt wird weiter, zugleich aber auch einfacher. Irgendwann spielt es keine Rolle mehr, wie spät es ist oder wie viele Höhenmeter noch vor mir liegen. Der Berg gibt das Tempo vor und ich lasse mich darauf ein. Der Tag besteht nur noch aus Schritten, Atemzügen und den Ausblicken, die sich unterwegs immer wieder auftun.
Je länger ich unterwegs bin, desto stärker wird dieses Gefühl von Freiheit. Keine Verpflichtungen, keine Termine, keine Ablenkungen. Nur die Berge, der schmale Steig und die Landschaft, die mit jedem Höhenmeter neue Facetten zeigt. Manchmal bleibe ich stehen, nicht weil ich eine Pause brauche, sondern weil mich die Aussicht dazu zwingt. Dann wandert der Blick über die Gipfel, die Felsen und die weiten Hänge. Tief eingeschnittene Täler, schroffe Grate und ferne Bergketten reihen sich am Horizont aneinander. Für einige Augenblicke gibt es nichts anderes zu tun, als all diese Eindrücke in sich aufzunehmen.

Vielleicht ist es genau das, was mich immer wieder in die Berge zieht. Hier oben verlieren viele Dinge ihre Bedeutung. Für ein paar Stunden wird die Welt angenehm überschaubar. Der nächste Schritt, der nächste Ausblick und die Freude, an einem Ort unterwegs zu sein, an dem nichts wichtiger ist als der Moment selbst.
Mit jedem Höhenmeter wächst die Spannung. Noch gibt der Berg seine schönsten Ausblicke nicht preis. Gerade das macht seinen Reiz aus. Manche Gipfel schenken ihre Höhe sofort her, andere lassen einen warten. Der Larmkogel gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Immer wieder meine ich, die Scharte hinter der nächsten Geländekante zu erkennen. Doch jedes Mal zieht der Steig noch ein Stück weiter nach oben. Der Berg lockt mit Andeutungen, ohne seine Karten sofort auf den Tisch zu legen. Gerade dieses langsame Enthüllen macht den Reiz des Aufstiegs aus. Die Landschaft öffnet sich nicht auf einmal, sondern Stück für Stück, als wolle sie ihre Geheimnisse nicht zu leicht preisgeben. „Wenn die Aussicht wirklich so beeindruckend ist, wie alle sagen, dann hat sich der Aufstieg jetzt schon gelohnt“, denke ich mir und folge dem Steig weiter bergauf.
Aussichtsbalkon der Hohen Tauern
Südöstlich unterhalb des Gipfelaufbaus erreiche ich ein kleines Kar, aus dem der Steig unschwierig hinauf zur Larmkogelscharte führt. Noch einmal zieht sich der Weg durch das Blockwerk, dann stehe ich plötzlich neben dem großen Steinmann auf der Scharte. Was mich dort erwartet, trifft mich völlig unvorbereitet. Mit einem Mal scheint die Landschaft in alle Richtungen aufzubrechen. Tief unten zieht das Habachtal seine grüne Furche durch die Berge, dahinter ragen die vergletscherten Gipfel der Venedigergruppe in den Himmel. Über allem erhebt sich der Großvenediger, dessen mächtige Erscheinung die gesamte Szenerie prägt.
Für einige Sekunden bleibe ich einfach stehen. Die Hände noch an den Rucksackträgern, den Blick nach Westen gerichtet. Die vielen Stunden des Aufstiegs, die Stille des Morgens und die Anstrengung des Weges treten in den Hintergrund. Vor mir liegen Eis, Fels und Gipfelketten, die sich bis zum Horizont staffeln. Je länger ich schaue, desto mehr Details werden sichtbar. Gletscherflächen leuchten in der Sonne, Grate ziehen sich über die Bergkämme und weit unten verlieren sich die Täler in der Ferne.


Lange löse ich mich nicht von dieser Aussicht. Es gibt nichts zu fotografieren, was nicht schon vor mir liegt, und keine Worte, die der Größe dieser Landschaft wirklich gerecht werden könnten. Ich genieße einfach den Augenblick und die Gewissheit, genau dort zu stehen, wo ich gerade sein möchte. Dankbar für diesen Tag, für die Berge und dafür, gesund hier oben unterwegs sein zu können. Man könnte meinen, der eigentliche Höhepunkt der Tour sei bereits erreicht. Doch hoch über mir wartet noch immer das Gipfelkreuz des Larmkogels. Und obwohl es schwerfällt, sich von dieser Aussicht loszureißen, wächst gleichzeitig die Neugier auf das, was dort oben noch auf mich wartet.
Wenn aus einem Traum Wirklichkeit wird
Noch immer beeindruckt von der Aussicht stehe ich an der Larmkogelscharte und versuche all die Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Dabei fällt mir ein Mann auf, der auf einem Felsblock sitzt und hinauf zum Gipfelkreuz blickt. Als wir ins Gespräch kommen, stellt sich heraus, dass er Dietmar heißt und alleine unterwegs ist. Seine ruhige Art macht ihn sofort sympathisch. Während wir gemeinsam auf die letzten Meter zum Gipfel blicken, erzählt er mir ein wenig von sich. Von Urlauben in den Alpen, von Bergbildern im Wohnzimmer seiner Eltern und von der Faszination, die die hohen Gipfel schon als Kind auf ihn ausgeübt haben.
„Ein Dreitausender war für mich immer etwas für richtige Bergsteiger“, sagt er und lacht. Als sein Blick erneut zum Gipfelkreuz wandert, wird er nachdenklich. Von der Scharte führen vergilbte Markierungen über Blockwerk am Südgrat bergauf. Kurz vor dem Gipfelaufschwung quert der Steig in die steile Flanke, wo eine durchgehende Seilsicherung beginnt. Die Passage ist nicht besonders lang, verlangt aber Konzentration, Trittsicherheit und an einigen Stellen auch den Einsatz der Hände. Nach dem bisher eher gemütlichen Aufstieg wirkt das Gelände plötzlich deutlich alpiner.

Schließlich bleibt Dietmar stehen. „Vielleicht reicht mir die Scharte“, sagt er nachdenklich.
Ich schaue zum Gipfelkreuz hinauf und dann wieder zu ihm. „Weißt du, ich glaube, du traust dir gerade weniger zu, als du eigentlich kannst.“
Er schweigt einen Moment und blickt erneut nach oben.
„Komm“, sage ich schließlich. „Den Rest gehen wir gemeinsam.“
Dietmar nickt, atmet tief durch und setzt sich wieder in Bewegung.
Gemeinsam folgen wir den Markierungen durch das Blockwerk. Kurz vor dem Gipfelaufschwung halten wir uns rechts und steigen entlang des Drahtseils durch die steile Flanke. Langsam gewinnen wir an Höhe. Immer wieder kommen die Hände zum Einsatz, während wir über die Felsen nach oben klettern. Das Stahlseil bietet zusätzliche Sicherheit und schon nach wenigen Minuten wirkt Dietmar deutlich entspannter.
Wo Vertrauen wächst
Mit jedem Meter verändert sich etwas. Die Bewegungen werden flüssiger, die Griffe sicherer und die Pausen seltener. Immer häufiger gilt seine Aufmerksamkeit nicht mehr dem nächsten Tritt, sondern der Bergwelt ringsum. Die Anspannung weicht nicht schlagartig, sondern Stück für Stück. Dort, wo zuvor jeder Schritt sorgfältig abgewogen wurde, kehrt langsam Vertrauen ein. Irgendwann entsteht der Eindruck, dass nicht die Felsen die eigentliche Herausforderung sind, sondern die Gedanken, die man mit hinaufträgt.
Der Gipfel rückt langsam näher. Was vielleicht nur zwanzig Minuten dauert, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben. Nicht wegen der Schwierigkeit der Passage oder der Höhe des Berges, sondern weil man miterlebt, wie jemand unterwegs über sich hinauswächst. Schritt für Schritt wird aus Unsicherheit Vertrauen. Als das Gipfelkreuz schließlich in greifbare Nähe rückt, ist von der anfänglichen Nervosität kaum noch etwas zu erkennen. Stattdessen macht sich eine stille Freude breit – die Freude darüber, sich auf die Herausforderung eingelassen und den eigenen Zweifeln nicht nachgegeben zu haben.


Ein Gipfel für die Erinnerung
Als wir schließlich das Gipfelkreuz erreichen, bleibt Dietmar zunächst einfach stehen. Kein Jubelschrei. Kein ausgestreckter Siegerarm. Nur ein stilles Lächeln und der Blick hinaus in die Weite. Für einige Sekunden sagt keiner von uns etwas. Die Landschaft übernimmt das Reden.
Vor uns breitet sich das gewaltige Venedigermassiv aus, mit dem Großvenediger als unangefochtenem Mittelpunkt. Seine hellen Gletscherflächen glänzen in der Sonne und verleihen dem Berg eine Präsenz, der man sich kaum entziehen kann. Weiter östlich erhebt sich der Großglockner über die umliegenden Gipfel, während auf der anderen Seite das markante Kitzsteinhorn die Skyline beherrscht. Tief unter uns liegt der Kratzenbergsee wie ein dunkler Farbtupfer zwischen Fels und Almwiesen. Weit unten im Habachtal wirkt die Neue Thüringer Hütte plötzlich erstaunlich klein – beinahe verloren in der Weite der Bergwelt. Am Horizont gehen die schroffen Formen der Hohen Tauern schließlich in die sanften Rücken der Kitzbüheler Grasberge über. Gerade dieser Kontrast zwischen Eis und Wiesen, zwischen scharfen Graten und weichen Bergformen macht den Reiz dieser Aussicht aus.
Für eine ganze Weile stehen wir einfach am Gipfelkreuz und lassen die Landschaft auf uns wirken. Der Wind streicht über den Grat, irgendwo kreist ein Vogel über den Hängen und weit unter uns ziehen vereinzelte Wolkenschatten über die Täler. Es sind jene Gipfelblicke, die man nicht wegen eines einzelnen Berges in Erinnerung behält, sondern wegen des Gesamtbildes, das sich für einen Augenblick vor einem ausbreitet.

„Mein erster Dreitausender“, sagt Dietmar schließlich. Mehr nicht. Aber die Art, wie er dabei auf die Berge schaut, sagt ohnehin mehr als jedes Gipfelfoto oder jeder Jubelschrei.
Lange bleiben wir am Gipfel sitzen. Die Sonne wärmt die Felsen, während der Wind über den Grat streicht. Unter uns liegen Täler, Seen und Gipfelketten, die sich bis zum Horizont verlieren. Während wir unsere Jause auspacken, schweifen die Gedanken immer wieder zurück zu den letzten Stunden. Zum frühen Aufbruch an der Hütte, zum stillen Aufstieg durch die Bergwelt und zu den Passagen, die unterwegs noch Respekt eingeflößt haben.
Je länger wir dort oben sitzen, desto nebensächlicher werden Höhenmeter, Wegzeiten und Gipfelstatistiken. Was bleibt, sind die Eindrücke dieses Tages und die gemeinsamen Erlebnisse unterwegs. Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz des Bergsteigens. Nicht allein im Erreichen eines Gipfels, sondern in all den kleinen Geschichten entlang des Weges. In den Begegnungen, den Gesprächen und den Erinnerungen, die noch lange bleiben, wenn der Abstieg längst vorbei ist.



Abschied von den Eisriesen
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man akzeptieren muss, dass auch die schönsten Gipfelstunden ein Ende haben. Nur widerwillig schultere ich den Rucksack. Noch einmal wandert der Blick zum Großvenediger. Noch einmal über die Gletscher. Noch einmal hinunter ins Habachtal. Die ersten Quellwolken beginnen bereits über den Gipfeln zu wachsen. Die angekündigten Gewitter erinnern daran, dass die Berge trotz aller Schönheit ihrem eigenen Rhythmus folgen.
Gemeinsam steigen wir zurück zur Larmkogelscharte. Der Weg ist derselbe wie beim Aufstieg, und doch wirkt er nun verändert. Der Gipfel liegt hinter uns, die Anspannung ist verschwunden und die Landschaft rückt wieder in den Mittelpunkt. Details, die zuvor kaum Beachtung fanden, fallen nun ins Auge: die hellen Flechten auf den Felsen, die Farben der Almwiesen und die gestaffelten Gipfelreihen, die sich bis weit in die Ferne ziehen. Schritt für Schritt verlieren wir an Höhe, während die Scharte langsam näher rückt.
Dort trennen sich schließlich unsere Wege. Dietmar steigt zur Neuen Thüringer Hütte ab, während ich mich auf den Rückweg zur Neuen Fürther Hütte mache. Wir verabschieden uns mit einem Händedruck und wünschen uns gegenseitig einen guten weiteren Weg. Wenige Augenblicke später entfernen wir uns in entgegengesetzte Richtungen. Noch einmal drehe ich mich um und sehe Dietmar als kleine Gestalt auf dem Steig. Dann verschwindet er hinter einer Geländekante. Zurück bleibt die Erinnerung an eine Begegnung, die völlig ungeplant begann und diesen Tag auf besondere Weise bereichert hat.

Mit den Beinen im Tal, mit den Gedanken noch am Gipfel
Der weitere Abstieg führt durch das Blockwerk zurück Richtung Kratzenbergsee. Als schließlich wieder die ersten Almwiesen auftauchen und der See vor mir glitzert, fühlt es sich beinahe an, als würde man zu einem vertrauten Ort zurückkehren. Die Anspannung des Aufstiegs ist längst verflogen, die Schritte werden lockerer und der Blick wandert immer wieder zurück zu den Gipfeln.
An der Neuen Fürther Hütte angekommen, kehrt sofort wieder jene angenehme Gelassenheit zurück, die diesen Ort so besonders macht. Viele Wanderer machen sich bereits auf den Rückweg ins Tal. Für mich hingegen gibt es keinen Grund zur Eile. Ich habe bewusst noch eine weitere Nacht auf der Hütte eingeplant, um die Bergwelt der Hohen Tauern noch etwas länger genießen zu können.



Mit einem Getränk auf der Terrasse lasse ich den Tag Revue passieren. Der Blick schweift über den Kratzenbergsee, hinauf zu den Gipfeln und zurück zu den Erlebnissen der vergangenen Stunden – dem frühen Aufbruch, der Aussicht von der Larmkogelscharte, der Begegnung mit Dietmar und den stillen Momenten am Gipfel.
Erst am nächsten Morgen heißt es endgültig Abschied nehmen. Als mich das Taxi wieder hinaus ins Hollersbachtal bringt, verschwinden die Gipfel langsam hinter den Bergflanken. Doch manche Berge verschwinden nicht wirklich. Sie bleiben als Bilder im Kopf, als Erinnerungen und als Gefühl. Und manchmal genügt Jahre später ein einziges Foto, um sofort wieder dort oben zu stehen – auf dem Larmkogel, mit Blick auf die Eisriesen der Hohen Tauern.
Von Bergen und Begegnungen
Fazit zur Tour: Der Larmkogel ist weit mehr als nur ein weiterer Dreitausender in den Hohen Tauern. Die Kombination aus der aussichtsreich gelegenen Neuen Fürther Hütte, dem idyllischen Kratzenbergsee, einem abwechslungsreichen Aufstieg durch Almgelände und Blockwerk sowie dem grandiosen Gipfelpanorama macht diese Tour zu einem besonderen Erlebnis. Doch in Erinnerung bleiben nicht nur die gewaltigen Ausblicke auf Großvenediger, Großglockner und die vergletscherte Bergwelt der Hohen Tauern.
Es sind vor allem die Momente dazwischen, die diesen Berg so besonders machen: ein Nachmittag auf der Sonnenterrasse mit Blick auf den See, interessante Gespräche beim Hüttenabend, die Ruhe eines frühen Bergmorgens und Begegnungen mit Menschen, deren Freude am Berg ansteckend ist. Der gemeinsame Gipfelmoment mit Dietmar hat mir einmal mehr gezeigt, dass es am Berg oft nicht um Höhenmeter oder Rekorde geht, sondern um persönliche Geschichten und Erinnerungen, die bleiben.
Wer einen aussichtsreichen, vergleichsweise moderaten Dreitausender mit großem Panorama sucht, wird am Larmkogel kaum enttäuscht werden. Für mich bleibt er vor allem eines: ein Logenplatz vor den Eisriesen der Hohen Tauern – und ein Berg, zu dem man gerne zurückkehrt.

