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Bergtour auf den Krummbachstein: Der stille Bruder des Schneebergs

Der Schneeberg zieht die Blicke magisch an. Seine mächtige Hochfläche dominiert die Wiener Alpen, sein Name findet sich auf unzähligen Wanderkarten, Gipfellisten und Ausflugstipps. Auch die Rax muss sich nicht verstecken. Mit ihren steilen Felswänden, aussichtsreichen Plateaus und traditionsreichen Hütten gehört sie seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Wanderbergen Ostösterreichs. Zwischen diesen beiden bekannten Größen geraten andere Gipfel leicht in Vergessenheit.

Und genau dort beginnt die Geschichte des Krummbachsteins. Mit seinen 1.602 Metern steht er im Schatten der berühmten Nachbarn und wird von vielen Wanderern kaum beachtet. Vielleicht liegt gerade darin sein Zauber. Denn wer den bekannten Wegen für einen Tag den Rücken kehrt, entdeckt eine überraschend abwechslungsreiche Bergtour durch stille Wälder, historische Holzarbeiterpfade, felsige Gräben und aussichtsreiche Gipfelhänge. Vor allem aber entdeckt man einen Berg, der sich seine Ruhe bewahrt hat und gerade deshalb einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

BergKrummbachstein
1602 Meter
Reichenau an der Rax, Niederösterreich
WandernSchwierigkeit: schwerer Bergweg
Dauer: 6,5 Stunden
Länge: 14 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 1050 Höhenmeter
Höhenprofil & Karte
HütteNaturfreundehaus Knofeleben
AnfahrtParkplatz an der Kreuzung der beiden Straßen Schneebergweg und Peter-Altenberg-Gasse
Zum Google Maps Routenplaner

Wo einst die Holzknechte schufteten

Am kleinen Parkplatz im Schneedörfl beginnt der Tag ohne großes Spektakel. Keine Seilbahn, keine Menschenmengen, kein touristischer Trubel. Nur ein Waldweg, der zwischen den Bäumen verschwindet und die Neugier weckt, was dahinter liegen mag. Es sind genau solche Touren, die oft die schönsten Überraschungen bereithalten. Schon nach wenigen Minuten schluckt mich der Wald förmlich auf. Die letzten Häuser bleiben zurück, die Geräusche des Tales verstummen und werden durch das Rascheln der Blätter und das gelegentliche Zwitschern eines Vogels ersetzt. Die Regenfälle der vergangenen Tage haben ihre Spuren hinterlassen. Der Waldboden wirkt dunkel und satt, aus dem Moos steigt ein würziger Duft auf und überall leuchtet das frische Grün des Frühlings in einer Intensität, die man nur wenige Wochen im Jahr erlebt.

Während ich gemütlich bergauf gehe, fällt mir auf, wie schnell sich die Gedanken verändern. Vor einer halben Stunde war ich noch im Auto unterwegs, habe auf die Uhr geschaut und über die kommende Woche nachgedacht. Jetzt interessiert mich plötzlich nur noch der Weg vor meinen Füßen. „Eigentlich erstaunlich, wie wenig es braucht, um den Kopf freizubekommen“, denke ich mir. Der Wald scheint dabei sein eigener Therapeut zu sein. Mit jedem Schritt wird es stiller im Kopf.

Bald erreiche ich den Mariensteig. Die kurze Felspassage bringt erstmals etwas alpines Flair in die Tour und kündigt an, dass dieser Berg mehr zu bieten hat als einen einfachen Waldspaziergang. Kurz darauf öffnet sich vor mir die sogenannte Eng, eine wasserlose Felsenklamm, die sich wie ein schmaler Einschnitt durch die Landschaft zieht. Die Atmosphäre verändert sich schlagartig. Die Felswände rücken näher zusammen, das Licht wird gedämpfter und für einen Moment fühlt es sich an, als würde man durch ein natürliches Tor in eine andere Zeit wandern.

Und tatsächlich steckt hier viel Geschichte. Bis weit in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts herrschte in dieser Gegend geschäftiges Treiben. Wo heute Wanderer gemütlich unterwegs sind, schufteten einst Holzknechte unter oft widrigsten Bedingungen. Über eine mehrere Kilometer lange Holzriese wurden gewaltige Baumstämme ins Tal transportiert. Wenn man durch die stille Klamm wandert, fällt es nicht schwer, sich die Geräuschkulisse von damals vorzustellen: das Krachen der Stämme, die Rufe der Arbeiter und das unaufhörliche Arbeiten einer ganzen Generation, deren Alltag mit unserer heutigen Bergromantik nur wenig gemeinsam hatte. Heute dagegen herrscht eine beinahe andächtige Ruhe. Die Eng erzählt ihre Geschichte leise. Man muss nur bereit sein, zuzuhören.

Wo die Gedanken leiser werden

Hinter der Eng bleibt die schroffe Felsenklamm langsam zurück und der Weg taucht erneut in die Beschaulichkeit des Waldes ein. An einer Weggabelung halte ich mich links in Richtung des Naturfreundehaus Knofeleben. Wenig später beginnt der Promischkagraben, auch als Mitterberggraben bekannt, der dem weiteren Aufstieg seinen ganz eigenen Charakter verleiht. Der schmale Steig zieht sich nun stetig bergauf durch einen lichten Wald aus Fichten und Lärchen, der nach den Regenfällen der vergangenen Tage wirkt, als hätte er die Feuchtigkeit tief in sich aufgenommen. Zwischen den Baumstämmen glitzern noch einzelne Wassertropfen auf Ästen und Blättern, während der dunkle Waldboden den würzigen Duft von Erde, Moos und feuchtem Holz verströmt.

Die Luft besitzt an diesem Morgen jene besondere Frische, die nur wenige Tage im Jahr hervorbringen. Der Winter ist längst vergangen, doch der Sommer hat die Berge noch nicht erreicht. Über den Baumkronen ziehen helle Wolkenfelder dahin, dazwischen fällt immer wieder Sonnenlicht in den Wald und lässt das junge Grün der Blätter beinahe aufleuchten. Es ist eine jener Stimmungen, die sich nicht planen lassen. Sie sind einfach da und begleiten den Tag wie ein stiller Gedanke, der nicht nach Aufmerksamkeit verlangt und gerade deshalb in Erinnerung bleibt.

Mit zunehmender Steigung wird der Atem tiefer und die Schritte finden ihren Rhythmus. Es sind genau diese Stunden am Berg, die ich besonders schätze. Nicht die Gipfelmomente oder die Fotos am höchsten Punkt, sondern die friedvollen Wegstücke dazwischen. Jene Abschnitte, in denen man aufhört, etwas erreichen zu wollen, und beginnt, einfach unterwegs zu sein. Der Blick richtet sich häufiger auf den Pfad als auf die Umgebung und gerade darin liegt etwas Befreiendes. Schritt für Schritt verliert die Zeit ihren gewohnten Takt. Was zählt, ist nicht mehr das Ziel in der Ferne, sondern die Gegenwart des nächsten Schrittes. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb man immer wieder zu den Bergen zurückkehrt. Nicht um anzukommen, sondern um sich dem einfachen Dasein für eine Weile wieder anzunähern.

Vom Loslassen und Weitergehen

„Schon erstaunlich“, denke ich, während sich der Steig durch den Wald nach oben zieht, „wie schnell die Maßstäbe hier draußen ins Wanken geraten.“ Der Tag besteht nur noch aus dem Knirschen der Schuhe auf dem Waldboden, dem Rhythmus des eigenen Atems und dem schmalen Pfad, welcher sich zwischen Wurzeln und Felsen bergauf windet. Vielleicht liegt genau darin die stille Kraft der Berge. Sie verlangen nichts und versprechen nichts. Doch gerade in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber unseren Plänen und Sorgen liegt etwas Tröstliches. Man erkennt, wie vieles nur deshalb schwer erscheint, weil man es unablässig mit sich trägt. Die Berge nehmen einem diese Last nicht ab. Aber sie erinnern daran, dass man sie hin und wieder auch ablegen darf. Für ein paar Stunden genügt es, dem Weg zu folgen und darauf zu vertrauen, dass nicht alles sofort gelöst werden muss.

Je höher ich komme, desto lichter wird der Wald. Zwischen den Baumstämmen öffnen sich immer häufiger kleine Fenster in die Landschaft. Tief unter mir verlieren sich die Wälder rund um das Schneedörfl in den sanften Hügeln der Wiener Alpen, während am Horizont bereits die ersten markanten Bergformen auftauchen. Noch hält sich der Krummbachstein selbst verborgen, als wolle er seine Gegenwart nur langsam preisgeben. Der Anstieg fordert mittlerweile spürbar mehr Aufmerksamkeit. Die Beine werden schwerer, der Puls schneller und dennoch möchte ich gerade jetzt nirgendwo anders sein. Es gibt diese seltenen Stunden am Berg, in denen Bewegung, Landschaft und Gedanken zu einem einzigen Fluss verschmelzen. Man durchquert die Natur nicht mehr – man wird für eine Weile Teil ihres Rhythmus.

Als sich der Wald schließlich vollständig lichtet, fühlt es sich an, als würde man nach langer Zeit wieder frei durchatmen. Die dunklen Baumstämme treten zurück, die Landschaft öffnet sich und plötzlich liegt das Naturfreundehaus Knofeleben vor mir. Nach all den Kehren durch den Wald erscheint die Hütte wie eine kleine Insel der Ruhe inmitten der umliegenden Hänge. Nach dem langen Anstieg wirkt sie beinahe wie eine Belohnung. Wanderer sitzen auf der Terrasse in der Sonne, von den Holzbänken wehen Gesprächsfetzen herüber, und für einen kurzen Augenaufschlag fällt es schwer, sich vorzustellen, noch weiterzugehen. Es sind genau solche Orte, die eine Bergtour zu mehr machen als die Summe ihrer Höhenmeter. Orte, an denen man nicht nur rastet, sondern ankommt. Nicht am Ziel der Wanderung, sondern ein Stück weit bei sich selbst. „Die Pause habe ich mir jetzt wirklich verdient“, denke ich und muss unwillkürlich lächeln.

Aus Schutt und Asche wieder aufgebaut

Kaum habe ich den Rucksack neben der Bank abgestellt, fällt eine spürbare Last von den Schultern. Nicht nur das Gewicht des Gepäcks, sondern auch jenes unsichtbare Bündel aus Gedanken, Terminen und kleinen Sorgen, das man im Alltag oft mit sich trägt, ohne es zu bemerken. Das Naturfreundehaus Knofeleben liegt ruhig auf seiner Lichtung, eingebettet zwischen Wiesen, Wald und den sanften Hängen des Gahns. Über den Bergen ziehen helle Wolkenfelder dahin, dazwischen fällt immer wieder Sonnenlicht auf die Terrasse und taucht die Szenerie für einige Minuten in ein warmes Frühlingsleuchten.

Es sind genau diese Stunden, die eine Bergtour so besonders machen. Jene Zeit zwischen Aufstieg und Gipfel, in der man weder unterwegs sein muss noch bereits angekommen ist. Ein Zustand dazwischen, frei von Ziel und Verpflichtung. Man sitzt einfach da, lehnt sich zurück und lässt den Blick schweifen. Wanderer studieren Karten, beraten über mögliche Gipfelziele oder genießen schweigend ihren Kaffee. Aus der Küche dringt das Klappern des Geschirrs, irgendwo wird gelacht, und über allem liegt jene besondere Wärme, die Berghütten ausstrahlen. Fremde grüßen einander, Gespräche entstehen wie von selbst und für eine Weile scheint alles ganz unkompliziert. Vielleicht sind es gerade diese unscheinbaren Erfahrungen, die einem noch lange in Erinnerung bleiben.

Während ich die Speisekarte studiere, wandert mein Blick immer wieder über das Hüttengebäude. Nur wenig erinnert heute noch daran, dass das Naturfreundehaus Knofeleben nach einem verheerenden Brand neu aufgebaut werden musste. Umso beeindruckender wirkt, wie selbstverständlich sie inzwischen wieder Teil dieser Landschaft geworden ist. Gleich neben der Hütte breitet sich der Bärlauch im Wald aus und findet von dort seinen Weg in die ausgezeichnete Hüttenküche. Meine Wahl fällt schließlich auf die überbackenen Bärlauchnocken. Als sie wenig später vor mir auf dem Tisch stehen, steigt mir sofort jener würzige Duft in die Nase, der mich bereits während des Aufstiegs begleitet hat. Der Frühling wächst hier nicht nur rund um die Hütte – er landet auch direkt auf dem Teller.

Bei den ersten Bissen ruht mein Blick auf den saftigen Wiesen und den bewaldeten Hängen ringsum. Für einen Moment scheint die Zeit langsamer zu fließen. „Eigentlich könnte ich den ganzen Nachmittag hier sitzen bleiben“, denke ich und lehne mich zufrieden zurück. Doch oberhalb der Hütte wartet noch der Krummbachstein. Also schultere ich schließlich wieder den Rucksack und mache mich auf den Weg.

Ein Gipfel kündigt sich an

Frisch gestärkt breche ich vom Naturfreundehaus Knofeleben wieder auf. Direkt westlich der Hütte verschwindet der Steig zwischen den Bäumen und führt zunächst durch den Wald bergauf. Das geschäftige Treiben rund um die Hütte bleibt rasch zurück. Mit jedem Schritt verstummt die Geräuschkulisse. Nur das leise Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und der gleichmäßige Rhythmus meiner Schritte begleiten den Aufstieg.

An einer Weggabelung halte ich mich in Richtung Krummbachstein. Der Pfad zieht nun über dessen Südrücken nach oben und führt durch eine abwechslungsreiche Landschaft aus Wiesen, Felsblöcken und lichten Fichtenbeständen. Immer wieder öffnen sich kleine Fenster in die Bergwelt, ehe der Wald die Ausblicke wieder verschluckt. Die Pause auf der Hütte hat neue Kräfte geweckt. Die Beine spüren zwar die zurückgelegten Höhenmeter, doch der Gipfel rückt näher und mit ihm jene leise Vorfreude, die jeden Schritt ein wenig leichter werden lässt. „Jetzt beginnt der schönste Teil der Tour“, denke ich, als der Wald zunehmend lichter wird. Ein erwartungsvolles Kribbeln macht sich breit – jenes Gefühl, das nur entsteht, wenn man weiß, dass das Ziel bereits in Reichweite liegt.

Mit zunehmender Höhe verändert sich die Landschaft. Die Wiesen werden karger, die Felsen markanter und der Wald verliert an Dichte. Vor mir erhebt sich schließlich der schroffe Felskamm des Krummbachsteins. Der Weg wird steiler und verlangt nun mehr Aufmerksamkeit. Über Wurzeln und felsige Passagen gewinne ich rasch an Höhe, bis ich den Vorgipfel, die sogenannte „Paschekrast“, erreiche. Zum ersten Mal zeigt sich das Gipfelkreuz. Es wirkt zum Greifen nah, und doch liegt noch ein kleiner Sattel dazwischen. Unwillkürlich bleibe ich stehen. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Nach all den Höhenmetern fühlt sich dieser erste Blick auf das Kreuz fast wie eine kleine Belohnung an. Der Wind streicht über den Grat, während mein Blick über die umliegenden Berge wandert. Erst jetzt wird mir bewusst, wie weit der Weg bereits hinter mir liegt. Was vor wenigen Stunden noch fern erschien, steht nun direkt vor mir.

Die Magie des Dazwischen

„So nah und doch noch nicht ganz“, geht es mir durch den Kopf, während ich den weiteren Verlauf des Steigs betrachte. Für kurze Zeit scheint die Zeit langsamer zu fließen. Der Weg hinter mir und der Weg vor mir halten sich die Waage, und alles, was zählt, ist dieses Innehalten am Grat. Vielleicht liegt gerade darin der eigentliche Reiz des Bergsteigens. Nicht im Ankommen, sondern in diesen Übergängen. In jenen seltenen Abschnitten des Unterwegsseins, in denen Ziel und Herkunft gleichermaßen an Bedeutung verlieren und nur noch der Weg selbst bleibt.

Jenseits des Sattels führt der Steig noch einmal steil durch einen lichten, felsdurchsetzten Wald bergauf. Wenig später sind nur noch einige Felsstufen zu überwinden, ehe ich schließlich das Gipfelkreuz erreiche. Wie von selbst richtet sich der Blick auf die umliegende Bergwelt. Im Süden reichen die Blicke über Hochwechsel und die Semmeringberge, im Westen dominiert die Raxalpe die Szenerie. Im Nordwesten erheben sich Großer Sonnleitstein und Göller, während im Norden der mächtige Hochschneeberg den Horizont beherrscht. Die Wolken werfen wandernde Schatten über Wälder und Bergrücken und verleihen der Landschaft eine beinahe endlose Weite.

Für einige Minuten bleibe ich einfach sitzen und lasse alles auf mich wirken. Kein Stimmengewirr, kein Trubel, keine Eile. Nur Wind, Fels und Weite. „Genau für solche Momente kommt man immer wieder zurück“, denke ich und lehne mich zufrieden an das Gipfelkreuz. Eine angenehme Müdigkeit liegt in den Beinen, während sich vor mir ein Panorama aus Gipfeln und Tälern ausbreitet. Die Anstrengung des Aufstiegs ist längst vergessen. Geblieben ist nur dieses stille Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein. Während die Wolken langsam über den Himmel ziehen und die Berge in wechselndes Licht tauchen, wird spürbar, wie wenig es manchmal braucht, um vollkommen zufrieden zu sein.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Während ich über die Berglandschaft blicke, erinnere ich mich daran, dass mein letzter Besuch hier oben viele Jahre zurückliegt. Vieles hat sich seitdem verändert, im Tal ebenso wie im eigenen Leben. Die Berge hingegen scheinen von all dem unberührt. Das Kreuz steht noch immer an seinem Platz, dieselben Gipfel säumen den Horizont, und der Wind streicht über die Hänge wie damals.

Unwillkürlich frage ich mich, wann ich das letzte Mal genau hier gesessen und in dieselbe Landschaft geblickt habe. Damals konnte ich nicht wissen, welche Wege vor mir liegen würden, welche Entscheidungen ich treffen und welche Menschen mein Leben begleiten würden. Während diese Gedanken durch meinen Kopf ziehen, wird mir bewusst, wie viele Jahre inzwischen vergangen sind. Und doch fühlt sich dieser Ort seltsam vertraut an, als hätte er all die Zeit still für mich aufgehoben.

Für einen Moment verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart miteinander. Ich denke an mein jüngeres Ich, das damals hier oben stand, wahrscheinlich mit ganz anderen Gedanken und Plänen. Vieles von dem, was damals wichtig erschien, ist längst verblasst. Andere Erinnerungen sind geblieben. Die Berge haben all das kommen und gehen sehen. Vielleicht berührt mich dieser Augenblick gerade deshalb so sehr. Hier oben wird spürbar, wie viel Zeit vergangen ist – und zugleich, wie wenig sich manche Dinge verändern. Es fühlt sich an, als wäre kaum Zeit vergangen – und gleichzeitig wie ein Wiedersehen nach einer kleinen Ewigkeit.

Mit vielen Eindrücken im Gepäck

Irgendwann ist es Zeit, Abschied vom Gipfel zu nehmen. Noch einmal lasse ich den Blick über die Bergwelt schweifen, bevor ich die Schultergurte festziehe und den Abstieg beginne. In der Ferne erkenne ich zwischen den Wolkenfeldern sogar die Zahnradbahn am Schneeberg, die sich ihren Weg den Berg hinauf bahnt. Ein letzter Blick, dann verschwindet der Gipfel hinter mir.

Da ich ein großer Fan von Rundtouren bin, entscheide ich mich für den Abstieg über die Alpenfreundehütte und das Alpeck. Schon nach wenigen Minuten verändert sich die Stimmung. Wo zuvor Fels, Grat und Weite dominierten, führen die Wege nun durch duftende Latschenfelder und über sanfte Wiesenhänge. Die Schritte werden ruhiger, der Blick schweift weniger in die Ferne und häufiger über die Landschaft direkt vor mir. Es ist jene entspannte Phase einer Bergtour, in der das Ziel bereits erreicht ist und man die Eindrücke des Tages noch einmal in Ruhe vorbeiziehen lassen kann.

Je tiefer der Weg hinabführt, desto dichter wird der Wald. Über den Lackabodengraben zieht sich der Steig lange durch die stille Berglandschaft. Mittlerweile haben sich die Wolken endgültig durchgesetzt. Die Sonne, die mich während eines Großteils der Tour begleitet hat, ist verschwunden und erste Regentropfen fallen durch das Blätterdach. Doch selbst das passt irgendwie zu diesem Tag. Die Berge zeigen sich nicht immer von ihrer sonnigen Seite – und gerade das macht ihren Reiz aus.

Schließlich erreiche ich wieder den vertrauten Abzweiger nahe der Eng. Die markanten Felswände begleiten mich ein letztes Mal, ehe wenig später der Ausgangspunkt der Wanderung erreicht ist. Müde Beine erinnern an die zurückgelegten Höhenmeter, doch gleichzeitig stellt sich dieses zufriedene Gefühl ein, das nur ein gelungener Tag in den Bergen hinterlassen kann.

Einsamer Aussichtsberg mit Charakter

Fazit zur Tour: Die Wanderung auf den Krummbachstein zählt für mich zu den schönsten Touren in den Wiener Alpen. Sie verbindet nahezu alles, was eine abwechslungsreiche Bergtour ausmacht: stille Waldpfade, aussichtsreiche Wiesenhänge, spannende Felspassagen, eine gemütliche Einkehr im Naturfreundehaus Knofeleben und einen überraschend aussichtsreichen Gipfel. Dabei wirkt die Tour nie überlaufen oder hektisch. Im Gegenteil: Wer hier unterwegs ist, findet oft noch jene Ruhe, die auf vielen bekannten Bergen längst selten geworden ist.

Anders als auf Rax oder Schneeberg gibt es keine Seilbahn und keine Bahnverbindung, die einem die Höhenmeter abnimmt. Den Gipfel muss man sich Schritt für Schritt erarbeiten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich der Krummbachstein seine Ursprünglichkeit bewahrt hat. Wer bereit ist, etwas Zeit und Kondition mitzubringen, wird mit eindrucksvollen Ausblicken und einer besonderen Atmosphäre belohnt.

Für mich war es vor allem die Mischung aus Erinnerungen, Einsamkeit und landschaftlicher Vielfalt, die diese Tour so besonders gemacht hat. Der Krummbachstein ist kein Berg, der sich in den Vordergrund drängt. Doch gerade seine stille Art sorgt dafür, dass man ihn noch lange im Gedächtnis behält. Ein echter Geheimtipp für alle, die die Wiener Alpen abseits der großen Besucherströme erleben möchten.

1 comment

  1. Schöne Beschreibung. Ist mein Hausberg (wohne direkt in Schneedörfl = Ausgangspunkt der Tour). Ich gehe meist gegen den Uhrzeiger (Lackerbodengraben rauf, via Knofeleben runter) auf den Gipfel. Oder via Bodenwiesen auf den Gipfel.

    Jedenfalls eine schöne Beschreibung und Zustimmung, Schneeberg wird „überbewertet“. Wobei auch Rax & Schneeberg einige ruhige, sehr lässige Aufstiege bieten. 🙂

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