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Großer Sonnleitstein: Am Matterhorn der Wiener Hausberge

Es gibt Berge, die laut nach Aufmerksamkeit verlangen. Berge, deren Namen jeder kennt und auf deren Gipfeln sich an schönen Tagen zahlreiche Menschen tummeln. Und dann gibt es jene Berge, die still im Hintergrund bleiben. Sie drängen sich nicht auf, werben nicht um Aufmerksamkeit und tauchen in Wandergesprächen oft nur am Rande auf. Der Große Sonnleitstein gehört für mich genau zu dieser zweiten Kategorie.

Vielleicht ist es gerade diese Unscheinbarkeit, die meine Neugier weckt. Während sich die meisten Blicke auf Rax, Schneeberg oder Schneealpe richten, führt der Sonnleitstein ein beinahe verborgenes Dasein. Dabei bietet er genau das, was ich an Bergtouren besonders schätze: Ruhe, Ursprünglichkeit und das Gefühl, einen Ort zu entdecken, der sich seinen eigenen Charakter bewahrt hat.

Oft sind es gerade diese stillen Berge, die am längsten in Erinnerung bleiben. Nicht weil sie die höchsten sind oder mit spektakulären Rekorden aufwarten, sondern weil sie überraschen. Weil sie Erwartungen unterlaufen und einem das Gefühl geben, etwas entdeckt zu haben, das nicht jeder kennt. Mit genau diesem Gefühl mache ich mich an diesem Morgen auf den Weg ins Naßbachtal.

BergGroßer Sonnleitstein
1639 Meter
Hinternaßwald, Niederösterreich
WandernSchwierigkeit: mittel
Dauer: 5 Stunden
Länge: 10,3 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 940 Höhenmeter
Höhenprofil & Karte
HütteKeine Einkehrmöglichkeit
AnfahrtParkplatz in Hinternaßwald
Zum Google Maps Routenplaner

Durch das stille Naßbachtal

Schon die Anfahrt vermittelt das Gefühl, den Alltag langsam hinter sich zu lassen. Die Straßen werden schmaler, die Häuser weniger und die Berge rücken immer näher zusammen. Als ich schließlich Hinternaßwald erreiche, umfängt mich jene wohltuende Ruhe, die man in den Bergen heute nur noch selten findet.

Der kleine Ort liegt eingebettet zwischen den bewaldeten Hängen am Nordfuß des Raxmassivs. Von Hektik ist hier nichts zu spüren. Statt Verkehrslärm begleiten mich Vogelstimmen, das Rauschen der Bäume und die frische Luft, die durch das Tal zieht. Es ist einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer wird. Nicht weil man muss, sondern weil die Umgebung einen dazu einlädt.

Ich schultere meinen Rucksack und bleibe noch einen Moment stehen. Vor mir verschwindet der Weg zwischen den Bäumen, während die umliegenden Berghänge das Tal wie ein grüner Rahmen umschließen. Noch ist vom Sonnleitstein nichts zu sehen. Und genau das gefällt mir. Der Berg hält sich zurück und gibt zunächst kaum etwas von sich preis.

Vom Parkplatz führt eine Forststraße hinein in den Wald. Die ersten Kilometer verlaufen ruhig und unspektakulär, doch gerade darin liegt ihr Reiz. Während ich gemütlich dahinwandere, begleitet mich das leise Rauschen der Baumwipfel. Die Luft riecht nach Harz und feuchter Erde, irgendwo klopft ein Specht gegen einen Baumstamm und über mir zieht der Wind durch die Wipfel. Lange Zeit sehe ich nichts als Wald.

Mit jedem Schritt werden die Gedanken ruhiger. Die Hektik der vergangenen Tage verliert an Bedeutung und macht Platz für jene angenehme Leichtigkeit, die sich auf Bergtouren oft ganz von selbst einstellt. Es gibt kein Telefon, das klingelt, keine Termine, die warten. Es gibt nur den Weg vor mir und die Vorfreude auf das, was noch kommt.

Wo der Wald den Weg vorgibt

An einer Weggabelung verlasse ich schließlich die Forststraße und folge dem Franz-Jonas-Steig. Hier beginnt der eigentliche Aufstieg.

Zunächst führt der Weg durch den Oselgraben bergauf und verschwindet wieder zwischen den Bäumen. Der Wald wird dichter, die Steigung spürbarer und schon bald schraubt sich der Steig in zahlreichen Kehren den Hang hinauf. Während die Beine langsam schwerer werden und der Atem schneller geht, stellt sich jener gleichmäßige Rhythmus ein, den ich am Wandern so schätze. Schritt für Schritt gewinnt der Weg an Höhe und mit jedem Meter rückt der Alltag ein Stück weiter in die Ferne.

Nachdem ich die Oselgraben-Forststraße überquert habe, wird der Anstieg noch steiler. Die Strecke fordert nun deutlich mehr Konzentration und Ausdauer, belohnt aber gleichzeitig mit jener Einfachheit, die nur das Berggehen mit sich bringt. Es gibt nichts weiter zu tun, als dem Weg zu folgen und den nächsten Schritt zu setzen.

Gerade in solchen Momenten wird mir bewusst, warum ich die Berge so liebe. Während im Tal ständig etwas Aufmerksamkeit verlangt, reduziert sich hier alles auf das Wesentliche. Der Weg, die Bewegung und die Natur bestimmen den Rhythmus des Tages.

„Genau deshalb bin ich hier“, geht es mir durch den Kopf. Nicht wegen eines Gipfelkreuzes oder eines Fotos für die Erinnerung. Es sind diese Stunden dazwischen, die den Zauber ausmachen. Die Momente, in denen die Welt für eine Weile stiller wird und alles, was zählt, der nächste Schritt auf dem Weg ist.

Kehre um Kehre arbeite ich mich weiter nach oben. Der Wald begleitet mich noch immer, doch langsam beginnt sich die Landschaft zu verändern. Zwischen den Bäumen öffnen sich erste Ausblicke auf die umliegenden Berge. Die Rax zeigt sich durch kleine Lücken im Wald, und auch die umliegenden Gipfel rücken immer stärker ins Blickfeld.

Der Weg führt weiter über den Betriegel und anschließend durch die Südflanke des Berges. Menschen begegne ich kaum. Die Einsamkeit des Sonnleitsteins wird immer spürbarer und macht einen großen Teil seines Reizes aus. Während auf den bekannten Gipfeln der Wiener Hausberge oft reger Betrieb herrscht, scheint hier oben die Zeit etwas langsamer zu vergehen.

Erst kurz vor dem Gipfel lichtet sich der Wald endgültig. Plötzlich stehe ich vor einem mächtigen Felskoloss. Nach den langen Passagen durch den Wald wirkt der Anblick beinahe überraschend. Schroffe Felsen ragen über die Baumwipfel hinaus und verleihen dem Sonnleitstein seine unverwechselbare Gestalt. Ein Wegweiser weist die letzten Meter zum Gipfel. Viel fehlt nun nicht mehr.

Wie eine steinerne Pyramide erhebt sich der Gipfel über den umliegenden Wäldern. Die schroffen Felsen bilden einen eindrucksvollen Kontrast zum dunklen Grün der Nadelbäume. Nach Stunden im Wald wirkt diese felsige Welt beinahe unwirklich. Während ich die letzten Höhenmeter zurücklege, wächst die Vorfreude mit jedem Schritt. Der Gipfel scheint plötzlich zum Greifen nah.

Ein Gipfel mit Charakter

Die letzten Meter führen durch eine wilde Felslandschaft. Mächtige Felsblöcke liegen entlang des Weges, schroffe Felsformationen prägen die Umgebung und verleihen dem Gipfelbereich eine überraschend alpine Ausstrahlung. Schließlich erreiche ich den Gipfelkamm und wenige Minuten später den höchsten Punkt des Großen Sonnleitsteins.

Das kleine Holzkreuz wirkt beinahe bescheiden angesichts der Kulisse, die sich hier eröffnet. Vor mir breitet sich eine beeindruckende Berglandschaft aus. Die mächtige Rax dominiert den Horizont, daneben erheben sich Schneealpe und Schneeberg. Dahinter verlieren sich weitere Gipfelketten in der Ferne und verleihen der Aussicht eine beeindruckende Tiefe.

Ich setze mich neben das Gipfelkreuz und lasse den Blick schweifen. Die Ruhe dieses Ortes ist bemerkenswert. Kein Hüttenbetrieb, keine Menschenmengen, keine Stimmen. Nur der Wind, der über die Felsen streicht, und das Gefühl, für einen Moment ganz außerhalb des Alltags zu stehen.

„Wie klein die Sorgen von unten plötzlich wirken“, geht es mir durch den Kopf, während mein Blick über die Gipfel wandert. Was im Alltag oft wichtig erscheint, verliert hier oben an Bedeutung. Stattdessen zählen nur die Weite, die Stille und dieser eine Augenblick.

Es sind genau diese Momente, die sich nur schwer beschreiben lassen. Die Kombination aus Weite, Ruhe und dem Wissen, sich diesen Platz aus eigener Kraft erarbeitet zu haben, verleiht dem Augenblick eine besondere Intensität. Minuten vergehen, ohne dass ich auf die Uhr schaue. Warum auch? Hier oben scheint Zeit plötzlich keine große Rolle mehr zu spielen.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich der Charakter des Sonnleitsteins, als ich hinter das Gipfelkreuz trete. Fast senkrecht brechen die Felswände in die Tiefe ab und verleihen dem Gipfel eine überraschend dramatische Erscheinung. Unwillkürlich trete ich näher und lasse den Blick hinunterwandern. Die schroffen Felsabbrüche, die exponierte Lage und die markante Form machen sofort verständlich, warum der Berg oft als das „Matterhorn der Wiener Hausberge“ bezeichnet wird.

Mit seinen 1.639 Metern zählt er zwar nicht zu den höchsten Gipfeln der Region, doch seine Ausstrahlung lässt ihn deutlich größer erscheinen. Die Kombination aus felsigem Gipfelaufbau, steilen Abstürzen und weitreichender Aussicht verleiht diesem Berg eine Präsenz, die weit über seine eigentliche Höhe hinausgeht.

Je länger ich hier oben sitze, desto schwerer fällt mir der Gedanke an den Abstieg. Die Aussicht lädt zum Verweilen ein, die Ruhe zum Innehalten. Es gibt Gipfel, die man erreicht, ein Foto macht und bald wieder verlässt. Der Sonnleitstein gehört für mich nicht dazu.

Die Ruhe bleibt mein Begleiter

Irgendwann mache ich mich schließlich doch an den Rückweg und folge dem Weg über die Ameiswiese talwärts. Diese Route gilt nicht ohne Grund als die angenehmere Abstiegsvariante.

Nach der Weite des Gipfels wirkt der Wald beinahe vertraut. Das Licht fällt durch die Baumkronen, der Weg schlängelt sich zwischen Wurzeln und Felsen hindurch und begleitet mich langsam zurück Richtung Tal. Die Anstrengung des Aufstiegs ist längst vergessen. Geblieben ist dieses angenehme Gefühl der Zufriedenheit, das nur eine gelungene Bergtour hinterlässt.

Nach einiger Zeit erreiche ich die Ameiswiese mit dem Forsthaus der Stadt Wien, das friedlich inmitten der Berglandschaft liegt. Die Lichtung wirkt beinahe idyllisch und lädt dazu ein, noch einmal kurz innezuhalten. Von hier führt der Weg gemütlich zurück ins Tal.

Immer wieder werfe ich einen Blick zurück. Aus manchen Perspektiven ragt das markante Felshorn des Sonnleitsteins noch einmal über den Wald hinaus und erinnert daran, wie eindrucksvoll dieser Berg tatsächlich ist. Mit jedem Höhenmeter, den ich verliere, rückt der Gipfel weiter in die Ferne, während die Eindrücke des Tages langsam ihren Platz finden.

Ein Berg, der lange nachwirkt

Die letzten Meter zurück ins Tal führen über eine Forststraße. Noch einmal öffnet sich der Blick auf die umliegenden Berge, auf Wälder, Hänge und die stille Landschaft des Naßbachtals.

„Genau solche Tage bleiben in Erinnerung“, geht es mir durch den Kopf. Tage, an denen man nicht nur einen Gipfel erreicht, sondern unterwegs etwas findet, das im Alltag oft verloren geht: Ruhe, Zeit und das Gefühl, ganz bei sich selbst zu sein.

Am Sonnleitstein gibt es keine bewirtschaftete Hütte und keine Einkehrmöglichkeit am Gipfel. Je länger ich über die Tour nachdenke, desto mehr bin ich überzeugt, dass genau das zu seinem Charakter passt. Die Ruhe und Abgeschiedenheit, die diesen Berg so besonders machen, wären mit einer stärkeren touristischen Erschließung kaum vereinbar.

Zurück im Tal kehre ich schließlich im traditionellen Wirtshaus zum Raxkönig ein und lasse den Tag bei einer herzhaften Mahlzeit ausklingen. Während ich die Erlebnisse noch einmal Revue passieren lasse, wird mir bewusst, was den Großen Sonnleitstein für mich so besonders macht.

Es ist nicht allein die Aussicht und auch nicht die Höhe des Gipfels. Es ist vielmehr die besondere Atmosphäre dieser Tour: die Stille des Naßbachtals, der einsame Aufstieg durch den Wald, der überraschende erste Blick auf das markante Felshorn und schließlich die eindrucksvolle Gipfelkulisse mit ihren schroffen Felsabbrüchen.

Der Große Sonnleitstein gehört zu jenen Bergen, die nicht laut beeindrucken wollen. Gerade dadurch entfaltet er seinen Reiz. Wer den Weg hierher findet, entdeckt einen Gipfel, der nicht mit Superlativen wirbt und dennoch lange in Erinnerung bleibt. Vielleicht liegt genau darin seine größte Stärke.

Als ich später die Heimfahrt antrete, begleitet mich genau dieser Gedanke. Manche Berge beeindrucken für einen Moment. Andere bleiben noch lange im Kopf. Der Große Sonnleitstein gehört für mich ganz klar zur zweiten Kategorie.

Fazit zur Tour: Der Große Sonnleitstein ist einer jener Berge, die ihre Wirkung erst nach und nach entfalten. Die stille Atmosphäre des Naßbachtals, der einsame Aufstieg durch den Wald und die überraschend alpine Kulisse im Gipfelbereich machen diese Tour zu einem besonderen Erlebnis. Spätestens am Gipfel wird klar, warum der Sonnleitstein unter Kennern so geschätzt wird. Besonders gefallen hat mir die Ruhe entlang der gesamten Strecke.

Während viele bekannte Gipfel der Wiener Hausberge an schönen Tagen stark frequentiert sind, begegnet man hier oft nur wenigen anderen Wanderern. Dadurch entsteht das Gefühl, die Bergwelt für einige Stunden beinahe für sich allein zu haben. Etwas Aufmerksamkeit erfordern allerdings die Wegmarkierungen, die stellenweise nur schwer zu erkennen sind. Vor allem in einigen Waldpassagen lohnt es sich, den Wegverlauf genau im Blick zu behalten. Wer abwechslungsreiche Touren abseits der großen Besuchermassen schätzt, wird am Großen Sonnleitstein viel Freude haben. Für mich zählt er zu den schönsten Geheimtipps der Wiener Hausberge – ein Berg, der nicht laut beeindrucken muss, um nachhaltig in Erinnerung zu bleiben.

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