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Auf die Guffertspitze: Der markante Wächter von Steinberg am Rofan

Die Luft flimmert, mein Puls hämmert und vor mir zieht sich ein schmaler Grat steil nach oben. Unter den Sohlen griffiger Fels, links und rechts geht es steil bergab. Jeder Schritt zählt. Ich setze die Hände an, suche mit den Fingern nach Kanten und kleinen Vorsprüngen, während die Beine den Rhythmus halten. Konzentriert, fokussiert, ganz im Moment. Genau das ist es, was ich am Berg so liebe: Wenn alles andere verschwindet. Kein Alltag, keine Gedanken, keine Sorgen. Nur die nächste Bewegung, der nächste Atemzug, das Klopfen des Herzens im Brustkorb. Die letzten Meter zum Gipfel der Guffertspitze fühlen sich an, als hätte der Berg alles zurückgehalten, um es mir jetzt, in dieser Gratpassage, in purer Intensität entgegenzuschleudern: Ausgesetztheit, Fels unter den Händen, ein Hauch Nervenkitzel. Und dieses unbeschreibliche Gefühl von Lebendigkeit – so nah, so intensiv, dass man fast süchtig danach werden könnte. Jeder Schritt wird zum kleinen Sieg, jeder Griff schenkt ein Stück mehr Zuversicht. Je schmaler der Grat, desto größer wird die innere Freiheit – so, als würde der Berg mit jedem Höhenmeter ein Stück Last von den Schultern nehmen.

BergGuffertspitze
2195 Meter
Steinberg am Rofan, Tirol
WandernSchwierigkeit: alpine Route mit leichten Kletterstellen (UIAA I.) und seilversicherten Teilstücken
Dauer: 6,5 Stunden
Länge: 11,8 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 1317 Höhenmeter
Höhenprofil & Karte
HütteKeine Einkehrmöglichkeit
AnfahrtGebührenpflichtiger Parkplatz beim Gasthof Waldhäusl
Zum Google Maps Routenplaner

Ins Grün hinein

Früh am Morgen parke ich beim Gasthof Waldhäusl in Steinberg am Rofan, Tirol. Die Sonne blinzelt zwischen den Bäumen hervor, als ich die kleine Holzbrücke überquere und in den Schatten des Waldes eintauche. Der Steig zieht gleichmäßig in nordöstlicher Richtung an, immer wieder kreuze ich breite Forststraßen, nur um gleich wieder auf den schmalen Pfad zurückzukehren. Entlang des Westabsturzes des Kitzsteins geht es stetig bergauf. Noch fühlt sich alles leicht an. Die Beine sind frisch, die Luft angenehm kühl. Das Knirschen des Waldbodens unter meinen Schuhen wirkt fast beruhigend. Ein feiner Duft von feuchtem Holz und Moos liegt in der Luft, während ihre Klarheit etwas Verheißungsvolles trägt. Zwischen den Baumwipfeln brechen die ersten Sonnenstrahlen hervor, tasten sich vorsichtig ins Dunkel. Für einen Augenblick fühlt es sich an, als würde ich eine andere Welt betreten. Doch die Leichtigkeit trügt. Schon hier, in dieser frühen Passage, spüre ich: Ganz so locker wird es heute nicht bleiben. Der Steig zieht spürbar an – und irgendwo im Hinterkopf meldet sich der Gedanke: „Das wird anstrengender, als ich mir am Morgen noch vorgestellt habe.“

Zwischen Gluthitze und Gipfelträumen

Nach einem kleinen Wasserfall, der sich über eine Felsstufe ergießt, lichtet sich der Wald. Mit dem schwindenden Schatten kommt die Hitze – unerbittlich. Schon nach wenigen Minuten merke ich, dass ich diesen Tag unterschätzt habe. Die Sonne brennt, kein Windhauch bewegt die Latschen, die sich nun enger und dichter um den Pfad schmiegen. Hier wendet sich der Steig nach Nordosten und zieht hinauf zum breiten Rücken nordwestlich des Guffertsteins (1.963 m). Kehre reiht sich an Kehre, das Gelände wird steiler. Meine Beine beginnen zu brennen, der Schweiß rinnt und ich ertappe mich bei dem Gedanken: „Hätte ich doch bloß früher angefangen.“

Doch dann geschieht dieser vertraute Umschwung: Die Gedanken an Anstrengung verschwinden. Der Körper übernimmt das Kommando, setzt Schritt für Schritt, während der Kopf in eine Art Klarheit fällt. Plötzlich wird alles einfach. Hitze, müde Muskeln, steiniger Untergrund – sie verschmelzen zu einem Rhythmus, der nur noch hier sein kennt. Frei von allem, was unten geblieben ist. Ich spüre das gleichmäßige Atmen, das Schaben der Schuhe auf dem trockenen Geröll, den eigenen Herzschlag. Jeder Meter nach oben ist hart erkämpft – und genau das macht ihn wertvoll. Denn in diesem stillen Kampf mit mir selbst liegt der Moment, in dem Anstrengung sich in Leichtigkeit verwandelt.

Ein Tunnel aus Grün, ein Ziel aus Fels

Als ich schließlich das markante Felsköpfl erreiche, spüre ich, dass die Anstrengung sich gelohnt hat. Seine steilen, glatten Wände wirken wie ein steinernes Monument. Der Steig windet sich daran vorbei, felsiger, wilder, fast wie ein Versprechen. Und dann – plötzlich – flacht der Weg ab. Eine willkommene Atempause. Der Steig führt mitten durch ein dichtes Latschenfeld, zwischen den grünen Wänden hindurch, beinahe wie durch einen natürlichen Tunnel. Den Abzweig zur Schmiedtquelle lasse ich rechts liegen. Vor mir öffnet sich eine karstige Hochebene, mit Felsblöcken übersät. Zwischen den grauen Steinen blitzt Gras hervor, die Latschen treten zurück und zum ersten Mal sehe ich den Gipfelaufbau vor mir. Er wirkt nah und doch mächtig – ein steinerner Wächter, der klar macht: Jetzt beginnt der eigentliche Anstieg.

Ich bleibe kurz stehen, wische mir den Schweiß von der Stirn. Den schweren Rucksack nehme ich von den Schultern, lasse ihn für einen Moment neben mir sinken. Ich blicke hinauf zum Gipfel und denke: „Es dauert nicht mehr lange. Noch einmal alles geben.“ Müde bin ich, völlig verschwitzt – aber gerade dieses Gefühl macht es so echt. Für einen Augenblick höre ich nichts außer meinem Atem und das leise Zirpen der Grillen im Gras. Es ist diese Stille vor dem letzten Aufschwung, in der man spürt, wie sehr man mit jedem Schritt näherkommt. Und genau in diesem Moment wächst auch die Vorfreude – das Wissen, dass der Gipfel schon in greifbarer Nähe liegt.

Fels unter den Händen, Wind im Gesicht, Weite im Blick.

Der Sattel vor dem Gipfelaufbau wirkt wie eine Grenze zwischen zwei Welten. Der Weg von der Nordseite stößt hier auf meinen Pfad, fast unmerklich, als würden sich zwei Routen still vereinen. Für einen Moment halte ich inne, lasse den Blick über die schroffen Felsen schweifen und spüre, wie sich die Stimmung verändert. Die Landschaft wirkt rauer, die Hänge steiler, der Pfad schmaler. Es ist der Punkt, an dem das Unbeschwerte hinter mir liegt und ich realisiere: Jetzt beginnt der ernsthafte Teil der Tour. Der Steig zieht sich in ausgesetztem Felsgelände empor, einmal als schmaler Pfad, dann wieder in leichter Kletterei. Meist reicht es, sicher zu gehen, doch immer wieder lege ich die Hände an den Fels, ziehe mich an Rippen hoch oder halte das Gleichgewicht. An manchen Stellen helfen Stahlseile, an anderen verlasse ich mich ganz auf die raue Griffigkeit des Gesteins. Die versicherte Passage ist nicht lang, aber fordernd genug, dass der Puls höher schlägt. Meine Hände klammern sich fest an den Stahl, die Füße suchen konzentriert ihre Tritte. Ein paar tiefe Atemzüge, ein letzter Zug am Seil – und ich stehe wieder frei. Ich lächle unwillkürlich. „Genau deswegen bin ich hier“, denke ich.

Wanderung_Guffertspitze_Achensee
Der letzte Teil der Tour auf die Guffertspitze gilt als der anspruchsvollste Abschnitt der gesamten Route. Hier ist volle Konzentration gefragt: Hände und Füße arbeiten gleichermaßen, um sich über kleine Stufen und schmale Bänder emporzuziehen.

Dann beginnt der Grat. Anfangs noch breit und unscheinbar, wird er rasch schmaler, felsiger, anspruchsvoller. Ich spüre, wie sich meine Aufmerksamkeit bündelt, als hätte der Körper keinen Platz mehr für Nebensachen. Jeder Schritt wird bewusst gesetzt, jeder Griff überlegt. Links und rechts fällt der Fels steil ab, die Leere öffnet sich und genau darin liegt diese eigentümliche Faszination: eine Mischung aus Respekt und Euphorie, die mich vollkommen erfasst. Mit jedem Meter wächst das Gefühl von Freiheit. Der innere Kampf, das Ringen mit Müdigkeit und Erschöpfung, verwandelt sich in reine Energie. Alles andere verliert an Bedeutung, es zählt nur noch dieses Hier und Jetzt: meine Füße, meine Hände, mein Herzschlag. Plötzlich fühle ich mich, als würde ich schweben. Leicht, unantastbar, nur getragen von Konzentration und Glück. Der Wind trifft mich im Gesicht, kühl und befreiend. Unter mir fällt der Hang steil ab, vor mir zeichnet sich das Gipfelkreuz gegen den Himmel ab. In diesem Wechselspiel aus Konzentration und Weite, aus Respekt und Faszination liegt die besondere Stimmung dieses Grats.

Wanderung_Guffertspitze_Panorama
Je höher ich steige, desto weiter reicht die Sicht – erst tauchen die sanften Täler unter mir auf, dann kommen die markanten Gipfel des Karwendels und des Rofans ins Bild.

Wo die Welt plötzlich grenzenlos wirkt

Als ich schließlich das Gipfelkreuz erreiche, weitet sich die Welt schlagartig. Der Grat liegt hinter mir, der Gipfel unter meinen Füßen. 2.195 Meter. Und doch fühlt es sich an wie weit mehr. Der Guffert steht frei, wie ein Solitär, und das Panorama schlägt mich regelrecht in seinen Bann: Rofan, Karwendel, das Kaisergebirge, bis hin zu den Hohen Tauern. Der Himmel ist klar, die Luft flirrt in der Hitze und alles wirkt unendlich weit. Ich bleibe einen Moment stehen, lege die Hand an das kühle Metall des Kreuzes, als müsste ich mich vergewissern, dass ich wirklich hier bin. Dann setze ich mich auf einen Felsblock, atme tief durch und lasse meinen Blick schweifen. Der Körper ist erschöpft, die Kleidung durchgeschwitzt, doch in mir breitet sich eine Ruhe aus, die nur am Gipfel entsteht. Dieses Gefühl, es geschafft zu haben, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist kein lauter Triumph, sondern ein stilles, tiefes Glück – wie ein inneres Aufatmen. „Alles, was zählt, ist dieser Moment.“

Ich bleibe lange. Schaue, schweige und trinke den letzten Schluck Wasser, als wollte ich die Stille selbst in mich aufnehmen. Um mich herum liegt eine Welt, die in alle Richtungen neue Berge, neue Horizonte eröffnet. Je länger mein Blick über diese Weite schweift, desto mehr breitet sich in mir ein tiefer Frieden aus, der nur auf einem Gipfel entstehen kann. Die Hitze des Tages, der Schweiß auf der Haut sowie die Mühen des Aufstiegs treten in den Hintergrund, fast so, als gehörten sie längst einer anderen Zeit an. Ich lasse mich nieder auf einem warmen Felsblock, schließe für einen Moment die Augen und atme ruhig ein und aus. Alles wird langsamer, leiser, klarer. Es gibt kein Müssen, kein Sollen, nur das einfache Sein. Jeder Gedanke verliert an Gewicht, jede Anspannung löst sich auf. Was bleibt, ist dieses stille Glück, mit den eigenen Kräften hierheraufgestiegen zu sein, Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug.

Die Minuten verstreichen, doch ich empfinde sie nicht als flüchtig. Sie dehnen sich, verwandeln sich in ein Gefühl, als stünde die Zeit selbst still. In diesem Augenblick begreife ich, dass es nicht allein die Aussicht ist, die diesen Ort so besonders macht. Es ist die Erfahrung, alles gegeben zu haben und nun ganz oben zu stehen. Hier, hoch über den Tälern, fühlt sich das Leben unverstellt und rein an. Eine Freude, die nicht laut und überschwänglich ist, sondern tief und ruhig, wie ein inneres Leuchten. Und in dieser Dankbarkeit, die weit über den Gipfel hinausstrahlt, steckt die eigentliche Erfüllung.

Wanderung_Guffertspitze_am_Gipfel
Als ich den Gipfel erreiche, überkommt mich ein tiefes Gefühl von Glück und Erleichterung. Für einen Moment scheint alles stillzustehen und ich spüre nur die Freiheit, die Leichtigkeit und den puren Stolz, hier oben angekommen zu sein.

Eine Gipfelerfahrung, die bleibt

Fazit zur Tour: Die Guffertspitze ist kein Spaziergang. Mit knapp 1.200 Höhenmetern im Aufstieg, langen Passagen durch heiße Latschenhänge und einem anspruchsvollen Gipfelaufbau verlangt sie Kondition, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Wer Freude an felsigen Passagen und kurzen, seilversicherten Stellen hat, wird hier voll auf seine Kosten kommen. Dafür schenkt der Gipfel ein Panorama, das für seine Höhe außergewöhnlich ist. Freistehend wie ein Wächter im Inntal, bietet der Guffert eine 360-Grad-Sicht vom Karwendel bis in die Tauern. Eine Tour, die fordert, die Schweiß kostet, aber unvergesslich bleibt – vor allem, wenn man wie ich an einem heißen Sommertag unterwegs ist.

Wer mehr Abwechslung möchte, kann den Abstieg auch als Runde gestalten: Vom Gipfel führt der Weg über den breiten Rücken nach Osten, knapp östlich am Guffertstein vorbei. Anschließend leitet der Steig steil durch dichte Latschen hinunter zur Luxeggalm. Von dort geht es nahezu eben weiter ostwärts, ehe der Weg nach einem kurzen Anstieg nach rechts abzweigt und erneut steiler talwärts durch Latschen führt. Bald öffnet sich der Pfad, beinahe eben, hinaus zum Waldrand. In zahlreichen Serpentinen zieht der Weg weiter abwärts, bis man nördlich des Forchkogels steht. Von hier gelangt man nach Westen hinaus zum Bärenwaldweg, über den schließlich der Ausgangspunkt in Steinberg erreicht wird.

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