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Ellmauer Halt: Bergtour auf die Krone des Wilden Kaisers

Felszacken so spitz wie eine Nadel schrauben sich in den Himmel. Eine bizarre und zerklüftete Silhouette aus Wettersteinkalk und Dolomit. Schroff und erhaben. Scharfe Grate, blanke Wände, tiefe Spalten und raue Türme verschmelzen zu einem wild zerrissenen Felsgewirr. Monumental erhebt sich das Kaisergebirge inmitten der sanften Grashänge der Kitzbüheler Alpen. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Die Zinnen des Kaisers flößen Ehrfurcht und Respekt ein. Und doch lockt uns heute die höchste Erhebung im kaiserlichen Hofstaat: die Ellmauer Halt.

BergEllmauer Halt
2344 m
Ellmau, Tirol
WandernSchwierigkeit: schwerer Bergweg mit Kletterstellen im
Schwierigkeitsgrad I und Klettersteig (Gamsängersteig B/C)
Dauer: 7 bis 7,5 Stunden
Länge: 10 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 1260 Höhenmeter
Höhenprofil & Karte
HütteGruttenhütte
AnfahrtGebührenflichtige Mautstraße zum Parkplatz Wochenbrunner Alm
Parkplatzinformation & Preise
Zum Google Maps Routenplaner

Das Warten hat ein Ende

Vor vier Jahren war es nur ein flüchtiger Gedanke. Meine Familie und ich waren auf dem Weg zu meiner Tante, die am Fuße des Wilden Kaisers wohnt. Als wäre es erst gestern gewesen, erinnere ich mich daran, wie ich aus dem Fenster blickte. Sehnsuchtsvoll. Ehrfürchtig. Von Entdeckerfreude gepackt. Damals steckte ich was das Bergsteigen betrifft allerdings noch in den Kinderschuhen. Einmal auf der Spitze der Kaiserkrone zu stehen? Dieser Traum schien in unerreichbarer Ferne. Nur den Felsakrobaten vorbehalten, die es schaffen, diese steilen Felsenfinger zu erklimmen. 

Und doch hat mich die Idee nie losgelassen. Ganz im Gegenteil reifte sie im Laufe der Jahre zu einem Herzenswunsch. „Irgendwann wird der Tag schon kommen“, sagte ich mir. Und obwohl Geduld wahrlich nicht zu meiner Stärke zählt, wartete ich.

Was einst zu weit und zu anspruchsvoll erschien, ist dank vielen Jahren des Bergsteigens in greifbare Nähe gerückt. Plötzlich ist der Traum vom Kaiser nicht mehr nur ein Gespinst, sondern Wirklichkeit. Auf einmal steht mir die Türe in diese Felswildnis offen. Werde ich zu einer Audienz geladen. Ich fühle mich bereit. Ein wenig aufgeregt, aber voller Entschlossenheit, mich in die abenteuerliche Felsarena zu begeben. Mit jeder Menge Erfahrung und der richtigen Ausrüstung im Gepäck, starten wir die Tour auf die Ellmauer Halt vom Parkplatz der Wochenbrunner Alm. 

Ellmauer_Halt_Gruttenhuette
Leckere Schmankerl und ein herrlicher Weitblick warten auf der Gruttenhütte.
Ellmauer_Halt_Felswand
Beim Anblick der prächtigen Felswände juckt es in den Fingern.

Im Kaiserreich

Die Ellmauer Halt ist mit 2344 Metern Höhe der höchste Kaisergipfel und dementsprechend beliebt. Es ist Oktober und zum Glück trotz Wochenende nicht allzu viel los. Von der Wochenbrunner Alm führt ein Wanderweg durch Mischwald und Latschen hoch zur Gruttenhütte. Langsam kommen die Kaiserwände näher und ein leichtes Kribbeln im Bauch verrät meine Nervosität. Wir wandern an der Hütte vorbei, ein Stückchen hoch und erreichen schließlich ein großes Schuttkar, genannt Hochgrubachkar. Eingekesselt von der mächtigen Südwand und dem nach Osten verlaufenden, mit Türmen gespickten, Kopftörlgrat macht der Kaiser seinem Ruf alle Ehre. In der Ferne höre ich erste Steine purzeln. Schnell setze meinen Helm auf und marschierte zum Einstieg des Gamsängersteiges.

Ellmauer_Halt_Felsspitzen
Dolomiten oder Tirol? So ganz ist man sich im Kaisergebirge nicht sicher.

Nervenkitzel an der Jägerwand

Ausgesetzte Schrofen. Ungesichertes Klettergelände. Enge Rissspuren und Spalten. Dazwischen dominiert passagenweise das raue Stahlseil. Der Gamsängersteig stellt meine Fähigkeiten wahrlich auf den Prüfstand. Zunächst verläuft der Weg über die Schrofenbänder der Gamsänger, bis wir immer weiter auf Tuchfühlung mit der Felswand gehen. Hinter mir erheben sich burgzinnenartige Gipfel. Der Wilde Kaiser trägt seinen Namen zu Recht. Ich komme aus dem Staunen kaum heraus. Für einen kurzen Augenblick erinnere ich mich an den Moment im Auto und muss zufrieden grinsen. Ich kann es nicht glauben, dass wir hier sind. Es fühlt sich unwirklich an, wie ein Schwebezustand, und trotzdem erlebe ich den Wilden Kaiser gerade hautnah.

Meine Hand umfasst das dicke Stahlseil. Die Füße tapsen von einem Trittbügel zum nächsten. Auge in Auge mit der gelben „Jägerwand“ wird die Entfernung zum Boden zusehends größer. Mein Puls legt an Tempo zu. Wie ein Zug, der langsam Fahrt aufnimmt. Die Muskeln sind bis in die kleinste Zelle angespannt. „Jetzt bloß nicht den Kopf verlieren“, flüstere ich zu mir selbst. Ich atme einmal ganz tief ein. Die Lunge füllt sich wie ein Blasebalg. Gleichzeitig sprudeln die Worte aus mit heraus. Das nimmt meiner Höhenangst üblicherweise ihren Schrecken. So auch dieses Mal. Nach 75 Bügeln ist es geschafft und ich habe wieder sicheren Boden unter den Füßen.

Über 75 Trittbügel führt die „Jägerwand-Treppe“ in das felsige Reich des Kaisers.

Am Gamsängersteig

Es folgt steiles Blockgelände. Riesige hüft- bis mannshohe Gesteinsbrocken, Geröll und irgendwo dazwischen rot-weiß-rote Wegmarkierungen. Zwischen den senkrechten Felswänden eröffnen sich immer wieder schmale Blickfenster auf die imposanten Flanken des Kaisergebirges. Im letzten Stück auf die Ellmauer Halt muss man Hand an den Fels legen. Meine Finger treffen auf griffigen Stein. Die Handflächen schmiegen sich an das sichere Stahlseil. Schließlich teilt sich der Weg. Links führt die Route in einen tiefen Kaminspalt mit einer überhängenden Eisenleiter, rechts in einen Plattenriss mit Eisenstiften und Drahtseilen. Die Wahl fällt zunächst auf den engen Felsspalt mit den Trittstiften. Die Variante mit der Leiter spare ich mir für den Abstieg auf. Wie in einem magischen Bewegungsfluss steige ich kontinuierlich höher. Eine Mischung aus Anspannung, Respekt und Nervenvibrieren geleitet mich durch den Felsspalt. Ein buntes Potpourri aus Rissen, Kanten, Löcher und kantige Strukturen bietet guten Halt. Der Fels gibt den Takt vor und ich tänzle in kühner Manier nach oben. 

Ellmauer_Halt_Kaiser
Rustikale, brüchige Felswände sind das Markenzeichen des Kaisergebirges.
Im Felsgarten des Wilden Kaisers wird es unter den Zehen oft luftig.

Auf des Kaisers Thron

Wir erreichen eine Geröllrampe. Nicht weit davon entfernt steht die Babenstuberhütte, die stets als Notunterstand geöffnet ist. Der Münchner Steinmetzmeister und Stadtrat Karl Babenstuber errichtete bereits 1894 eine kleine Schutzhütte auf dem Gipfel der Ellmauer Halt. Seit 1983 befindet sie sich etwas unterhalb des Gipfels. Von hier aus sieht man bereits das Metallkreuz, welches am obersten Zipfel der Felswüste thront.

Wir klatschen ab. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich das alles realisiere. Am Gipfel der Ellmauer Halt ergeben die einzelnen Puzzleteile, die wir beim Aufstieg erhaschen konnten, nun ein Bild. Raben ziehen über unseren Köpfen ihre Kreise. Ich lasse den Blick über die Gebirgsketten und die Hände über die schroffen Felsen streifen. Der Kaiser geizt wahrlich nicht mit seinen Reizen und präsentiert uns einen dekadenten Augeschmaus bis zu den gleißenden Gletschern der Hohen Tauern mit Großglockner und Großvenediger. Aber auch die zerklüfteten Kaisergipfel, die Stubaier Alpen sowie die Gebirgsgruppe zwischen Watzmann und Zugspitze sind weithin sichtbar. Das Inntal liegt zu unseren Füßen, die sanften Grasberge der Kitzbüheler Alpen umzingeln uns. Heute blicke ich nicht wehmütig nach oben. Nein, heute bin ich bei seiner Majestät zu Gast. Stehe auf der höchsten Zinne inmitten ungestümer Felszacken. Und es fühlt sich noch viel besser an, als ich es mir hätte träumen lassen.

Ellmauer_Halt_Nothuette
Die Babenstuberhütte unterhalb des Gipfels dient als Notbiwak. Nur einen Katzensprung davon entfernt befindet sich das Gipfelkreuz der Ellmauer Halt.
Ellmauer_Halt_Panorama
Wilde Kalkwände erheben sich über der sanften Landschaft aus grünen Almen mit zahmen Gipfeln.
Headerbild_Ellmauer_Halt
Rings um mich türmt sich senkrechter Kaiserfels in den Himmel.

Fazit zur Tour: Der Kaiser ist eine raue, schroffe, aber dennoch faszinierende und respekteinflößende Persönlichkeit. Sein Reich sollten nur jene betreten, die schwindelfrei, trittsicher und erfahren in der Begehung von alpinen Bergtouren sind. Außerdem sollten unbedingt trockene Verhältnisse herrschen. Leider wird diese Tour viel zu häufig unterschätzt – die Folge sind Unfälle und Einsätze der Bergrettung. Der Gamsängersteig ist nicht durchgehend mit einem Stahlseil versichert, sodass leichte Kletterpassagen (I) frei geklettert werden müssen. Aufgrund des brüchigen Gesteins besteht eine hohe Steinschlaggefahr und ein Helm sollte unbedingt getragen werden. Ob du ein Klettersteigset verwendest oder nicht, obliegt deiner eigenen Entscheidung und Verantwortung. Für weniger Geübte ist es jedenfalls empfehlenswert. Ich trage zwar auf den Fotos kein Klettersteigset, hatte es aber im Rucksack dabei, falls ich es gebraucht hätte. Der Abstieg erfolgt über den Aufstiegsweg. Insgesamt eine wundervolle Tour ganz nach meinem (Fels-)geschmack, die zu Saisonende auch nicht so stark frequentiert war.

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