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Zwischen zwei Welten: Gratwanderung am Innsbrucker Klettersteig

Wir durchbrechen eine Wand aus Nebelschwaden. Grau in Grau ist der Ausblick durch das Fenster der Nordkettebahn. Inständig hoffe ich, dass oben am Gipfel doch noch die Sonne auf uns wartet. Und die Webcam keine falschen Hoffnungen geschürt hat. Mit einem kräftigen Ruck fährt die Bahn in die Bergstation „Hafelekar“ ein. Endlich sind wir da. Der Kontrast zwischen dem hektischen Trubel in der Altstadt und den wilden, bizarr zerklüfteten Felsformationen aus Wettersteinkalk und Dolomit könnte nicht größer sein. 

BergSeegrubenkopf, Östliche Kaminspitze und Kemacher
2350 m, 2435 m und 2480 m
Innsbruck, Tirol
KlettersteigInnsbrucker Klettersteig (C/D)
Schwierigkeit Sektion 1 (Einstieg – Langer Sattel): C
Schwierigkeit Sektion 2 (Langer Sattel – Frau Hitt): C/D
Zustieg: 15 Minuten von der Bergstation Hafelekar
Abstieg: 1,5 Stunden über den Schmidhubersteig zur Bergstation Seegrubenbahn
oder 1 Stunde vom Langen Sattel
Kletterzeit Sektion 1: 4 Stunden
Kletterzeit Sektion 2: 2 Stunden
Dauer: 7 bis 8 Stunden
Aufstieg: 420 Höhenmeter
Abstieg: 780 Höhenmeter
EinkehrRestaurant Seegrube
AnfahrtPreise und Öffnungszeiten der Seilbahn
Die Parkgebühr wird beim Kauf eines Tickets für Hafekelar oder Seegrube erstattet.

Parkplatz auf der Hungerburg bei der Talstation der Seegrubenbahn
(nur wenige Parkplätze verfügbar)
Zum Google Maps Routenplaner
Congress Garage Innsbruck bei der Talstation der Hungerburgbahn
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InnenSTADT Garage Innsbruck (Citygarage)
Zum Google Maps Routenplaner

Über den Wolken

Die Sonne lässt sich noch ein wenig bitten. Nur wenige Minuten von der Bergstation entfernt liegt der Einstieg zum Klettersteig. Doch bevor das Abenteuer beginnt, heißt es erst einmal warten. Eine Traube an Klettersteiggehern hat sich bereits am Startpunkt gebildet. So ist das eben, wenn man nicht gleich die erste Bahn erwischt. Ich nutze die Wartezeit und lege mein Klettersteigset an. So langsam durchdringt die Kälte meine Glieder. Ich reibe meine Hände und tänzle ungeduldig hin und her. Ein paar zähe Minuten vergehen, bis es endlich losgeht.

Der letzte Klettersteig liegt schon ein Weilchen zurück. Als ich das Stahlseil umfasse und nach geeigneten Tritten suche, bin ich zugegeben ein klein bisschen nervös. Die rechte Hand zieht an, die linke klammert sich an einen Felsgriff. Mein Fuß findet ebenfalls seinen Platz in der Felsstruktur. Es ist zwar nur ein kleiner Tritt, aber groß genug, um mich zu halten. Rasch trete ich nach. In dieser sicheren Position kann ich den Karabiner in den nächsten Abschnitt einhängen. Ruckzuck klicke ich den zweiten Karabiner hinter den ersten und überwinde die C-Stelle. Es folgt ein gestufter Grat, der uns schon bald zum ersten Gipfel, der Seegrubenspitze, leitet. 

Innsbrucker_Klettersteig_Seegrubenspitze
Nach der steilen Einstiegswand sind es nur wenige Klettermeter zur Seegrubenspitze.
Innsbrucker_Klettersteig_Wolken
Freiheit über dem Wolkenmeer

Zwischen Himmel und Abgrund

Das hölzerne Gipfelkreuz wird von dem dichten Hochnebel umspielt. Nur hin und wieder erhasche ich einen Blick auf die eindrucksvolle Bergwelt. Ich folge dem Drahtseil, welches den wilden Felszirkus zu bändigen versucht. Immer wieder öffnet sich die Nebelwand. Unter meinen Zehenspitzen schäumt das Wolkenmeer. Um mich herum schießen schroffe und steile Felswände in die Höhe. Es ist, als würde man im Himmel klettern. Wirklich schwierig ist die Kletterei für mich nicht. Umso mehr kann ich sie genießen. Der Berg verschafft Luft zum Atmen. Gelegenheit, die Gedanken zu reinigen. Sich auf wenige Quadratzentimeter zu konzentrieren, um den nächsten Zug zu überlegen. Mit jedem Klettermeter komme ich mir selbst näher. Ich spüre diese Leichtigkeit, die ich schon lange vermisst habe. Und schließlich erreichen wir den zweiten Gipfel, die Östliche Kaminspitze.  

Innsbrucker_Klettersteig_Nebel
Die imposante Nordkette im Nebelschleier
Nordkette_Klettersteig_Innsbruck
Wie auf Messers Schneide bewegt man sich am schmalen Grat der Inntalkette (Nordkette). Sie ist der südlichste Gebirgszug des Karwendels und liegt nördlich der Stadt Innsbruck.

Der rote Faden

Viel Zeit zum Verweilen bleibt nicht. Dies liegt einerseits daran, dass stetig Klettersteiggeher nachkommen. Andererseits haben wir noch ein gutes Stück Grat vor uns. Und die letzte Gondel möchte ich keinesfalls verpassen. Die Nordkette zeigt sich im ersten Abschnitt von ihrer zahmen Seite. Doch plötzlich bäumt sie sich auf. Ich atme tief durch. Meine Augen wandern in Schlangenlinien über die graue Wand vor mir. „Da! Ein Felsvorsprung! Der könnte passen“, freue ich mich. In meinem Kopf verbinden sich die Griffe und Tritte zu einer logischen Bewegungsabfolge. Ein roter Faden entsteht. Meine linke Hand vergräbt sich im kalten Gestein. Ich platziere meine Füße präzise, um nicht die Balance zu verlieren. Jetzt stehe ich so sicher, dass ich die andere Hand loslassen und nach dem Stahlseil greifen kann. Ich drücke mich aus den Beinen heraus nach oben und gelange endlich aus dem steilen Spalt.

Innsbrucker_Klettersteig_Aussicht
Endlich zeigt sich die schroffe Szenerie des Karwendels.

Die Zeit drängt

Der Ritt über den Grat wird wieder gemütlicher. Auch die Brücke überwinde ich mühelos. Sie wackelt zwar ein bisschen, aber das macht mir nichts aus. Während dem Klettern schalte ich alle äußeren Einflüsse aus. Was für ein schönes Gefühl, sich nur auf eine Sache konzentrieren zu können. Der Knoten aus unzähligen To-dos in meinem Kopf löst sich immer mehr. Die Freiheit im Kopf wird zur Freiheit im Herzen. Ich spüre, wie Glück und Zufriedenheit in mir wachsen. Wieder Nährboden finden, um die schönsten Blüten auszubilden. Am liebsten würde ich ewig in diesem Augenblick verweilen.

Über Grate und Scharten, Kamine und Türme führt das Stahlseil auf den Gipfel des Kemachers. Die Wolkendecke hat sich etwas erhellt. Zwar nur in eine Blickrichtung, aber immerhin! Ich nutze die Gunst der Stunde und schieße noch ein Erinnerungsfoto am Gipfelkreuz. Zum ersten Mal an diesem Tag mit Aussicht. Es dauert nicht lange und die Heerschar an Ferratisten erreicht ebenfalls den Gipfel. Wir packen zusammen und machen uns für den Abstieg zum „Lahmen Sattel“ bereit. Der Zackengrat gleich zu Beginn erfordert wache Augen und ruhige Nerven. Mittlerweile spüre ich, wie mich die stundenlange Kletterei ein wenig müde gemacht hat. Endlich erreichen wir den Sattel und stehen vor einer wichtigen Entscheidung.

Innsbrucker_Klettersteig
Hochgenuss am letzten Gipfel des Tages mit einer grandiosen Fernsicht auf die Kumpfkarspitze sowie die rillendurchzogenen und steilen Flanken des Karwendels.
Innsbrucker_Klettersteig_Nordkette
Hoch oben auf der Nordkette kann man dem alltäglichen Leben entrücken und die Welt um sich herum wieder als Ganzes wahrnehmen.

Rückzug

Der Reiz, gleich zum zweiten Abschnitt überzugehen, ist groß. So eine halbe Sache widerstrebt meinem Ehrgeiz. Ich will mir unbedingt beweisen, dass ich den ganzen Steig schaffe. Doch die Entscheidung wird mir beim Blick auf die gelbe Wegtafel unweigerlich abgenommen. Wenn wir jetzt weitergehen, verpassen wir ziemlich sicher die Seilbahn hinab. Und weil ich dann doch keine Lust auf einen ewig langen Abstieg habe, folgen wir dem Pfad in Richtung Seilbahnstation Seegrube. 

Zähneknirschend nage ich noch ein wenig an dem Rückzug. Versuche vor mir selbst zu rechtfertigen, warum wir zu langsam waren. Aber hetzen wollte ich mich auch nicht. Lieber Genuss als Überdruss. Um den ganzen Steig mit Seilbahn-Abfahrt zu schaffen, muss man wirklich sehr zügig vorankommen. Langsam verdaue ich die Enttäuschung und als sich plötzlich der Nebel lichtet und ich zum ersten Mal bis hinunter nach Innsbruck sehe, ist jeder Gedankenstrudel vergessen. Ein unglaublich schönes Panorama, das den Abschluss des Tages dann doch perfekt macht.

Majestätische Gipfel soweit das Auge reicht. 

Fazit zur Tour: Er ist berühmt, aber nicht berüchtigt – der Innsbrucker Klettersteig. Bis zu sieben Gipfel kannst du am Weg von der Bergstation Hafelekar bis zur Frau Hitt bezwingen. Zu deiner Rechten blickst du auf die zackigen und zerrissenen Felsspitzen des Karwendels. Linker Hand siehst du im Tal das rote Dächergewirr Innsbrucks. Nur einen Katzensprung entfernt scheint das Gewusel beim Goldenen Dachl. Und gleichzeitig meilenweit weg von der wilden Bergszenerie, in der du dich soeben befindest.

Der Innsbrucker Klettersteig lebt von den Gegensätzen. Aus dem Herzen der Altstadt direkt auf den Berg – das ist eine Besonderheit, die erklärt, warum der Klettersteig so beliebt ist. Pluspunkte sammelt die Via Ferrata sicherlich mit ihrem großartigen Panorama. Ein Minuspunkt ist hingegen der große Andrang und die dadurch verursachten häufigen Wartezeiten im Steig. Der erste Abschnitt ist mit der Schwierigkeit „C“ (schwierig) bewertet und war für mich persönlich gut machbar. Ich habe aber auch einige Anfänger gesehen, die sehr gefordert und erschöpft waren. Über die zweite Sektion kann ich leider kein Urteil fällen, da ich diesen Teil nicht gegangen bin. Nicht unterschätzen sollte man ungeachtet dessen die Länge des Steiges. Mehrere Stunden im Klettersteig zehren durchaus an den Kraftreserven. Wer plant, beide Abschnitte an einem Tag zu gehen, sollte jedenfalls die erste Bahn nehmen, um ausreichend Zeit zu haben und nicht wie in meinem Fall frühzeitig abbrechen zu müssen.

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