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Im Vorzimmer der Dreitausender: Skitour Kolmkarspitz und Bockhartscharte

Chaos und Planlosigkeit sind mir ein Fremdwort. Ich mag es, wenn ich weiß, was mich erwartet. Lieber denke ich zehn Schritte voraus, als über plötzliche Widrigkeiten zu stolpern. Auch beim Berggehen investiere ich gerne viel Zeit und Gedanken in die Tourenplanung und lasse mich von der Vielzahl an Möglichkeiten inspirieren. Nichtsdestotrotz kommt es hin und wieder vor, dass das Kalkül der Spontanität weicht. Manchmal zwingt mich der Berg dazu, weil er mir meine Grenzen aufzeigt. An anderen Tagen aber locken Neugier und Abenteuerlust. So geschah es auch bei der Skitour auf den Kolmkarspitz.

Im Goldrausch

Der Kolmkarspitz zählt zu den weniger stark frequentierten Gipfeln rund um Kolm Saigurn, so heißt der Talschluss des Raurisertals. Dieser galt jahrhundertelang als das Zentrum des Goldbergbaus in Österreich. In der Hochblütezeit, die von rund 1460 bis 1560 nach Christus dauerte, fanden im Rauriser- und Gasteinertal rund zehn Prozent der Weltproduktion in insgesamt 450 Zechen statt. Damals wohnten etwa 3000 Menschen im Raurisertal. Unter ihnen auch Ignaz Rojacher, Erbauer des Sonnblickobservatoriums und Pächter der Bergbauanlagen in Kolm Saigurn. Er war es auch, der bereits 1883 elektrisches Licht und die erste Telefonverbindung nach Kolm Saigurn brachte. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Geschäft mit dem Gold jedoch unrentabel und somit kehrte Stille in die Stollen ein. Der Name des Gebirgsmassivs lautet seit jeher Goldberggruppe und erinnert damit an die schillernden Tage des Tauerngoldes. 

BergBockhartscharte, Seekopf und Kolmkarspitz
2226 Meter, 2413 Meter und 2529 Meter
Rauris, Salzburg
Skitourmittelschwere Skitour
Dauer: 5 Stunden
Länge: 12,3 Kilometer
Aufstieg/Abstieg: 1100 Höhenmeter
Hangrichtung: W, NW
Höhenprofil & Karte
AnfahrtParkplatz Lenzanger über gebührenpflichtige Mautstraße
Preise und Informationen zur Wintersperre
Optional Ausgangspunkt Parkplatz Bodenhaus oder
Hüttentaxi des Naturfreundehauses bzw. Ammererhofs
Zum Google Maps Routenplaner

Reich der Riesen

Während Sonnblick, Schareck und Hocharn anspruchsvolle Frühlingsziele sind, ist die Skitour auf den Kolmkarspitz auch für weniger ausdauernde Skibergsteiger geeignet. Ein hochalpines Erlebnis hat man dennoch. Als wir losmarschieren bin ich zugegeben ziemlich aufgeregt, weil diese Tour schon so lange auf meiner Wunschliste steht. Wieder einmal habe ich zahlreiche Fotos studiert und mir vorgestellt, wie es wäre, diese Aussicht mit eigenen Augen zu sehen. Da die Mautstraße während des Hochwinters gesperrt ist, warten wir bis zum Frühling, um endlich die Welt der Hohen Tauern zu erkunden.

Der erste Abschnitt führt eher unspektakulär durch den Wald, bis sich die Äste lichten und wir die Ebene rund um die Filzenalm erreichen. Wenn im Tal bereits der Frühling Einzug hält, türmen sich hier noch die Schneemassen. Die Gipfel von Hohem Sonnblick und Hocharn ragen schroff in die Höhe. Um die höchsten Spitzen windet sich ein weißer Schweif, der von starken Winden zeugt. Die fernen Dreitausender fesseln mich. Meine Gedanken kreisen um den Moment, in dem ich selbst einmal die Dreitausendermarke mit meinen Skiern durchbreche. 

Filzalm-Kolmkarspitz
Idyllisch liegt die Filzenalm zwischen den mächten Berghängen eingebettet.

Alle guten Dinge sind Drei

Es folgt ein anstrengender Aufschwung hinauf in eine Scharte. Der Weg ist hier so steil, dass Spitzkehren unvermeidbar sind. Nachdem die ersten Steilmeter hinter uns liegen, werfe ich einen Blick auf die Karte. Und dabei fällt mir etwas auf, das mir bei der Planung glatt entgangen ist. „Die Bockhartscharte ist ja gleich dort drüben“, stelle ich fest. Neben dem Kolmkarspitz war dies ebenfalls eine der Touren, die auf meiner Liste ganz oben stand. Auf einmal ist sie zum Greifen nahe. „Meinst du, wir können die beiden verbinden?“, verschaffe ich meinen flüchtigen Gedanken Gehör. Was zunächst nur eine spontane Idee scheint, wird plötzlich zur ernsthaft diskutierten Option. Einige Minuten später steht die Entscheidung fest. Wir geben der Verlockung nach und ziehen unsere Spur in Richtung Bockhartscharte. Somit stehen nun drei Gipfel am Programm.

Skitour Kolmkarspitz Bockhartscharte
Skilänge um Skilänge lassen wir den Wald hinter uns. Die schneegekrönten Gipfel sind unsere stetigen Begleiter.
Kolmkarspitz Bockhartscharte Hohe Tauern
Es gibt Tage, da stimmt einfach alles. Das Wetter, das Timing und die Aussicht.

Ganz in Weiß

Mein Herz pocht wie wild. Ich kann mein Glück kaum fassen und verspüre ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit und Demut für diesen Tag und diese atemberaubende Naturkulisse. Gleichzeitig baut sich ein innerer Druck in mir auf. Eine leichte Anspannung, die daraus resultiert, dass wir meinen akribisch geplanten Weg verlassen. Mein Bedürfnis nach Kontrolle hängt ein wenig in der Luft. Aber das macht die ganze Sache umso aufregender. Begleitet von einem auffrischenden Wind erreichen wir das Filzenkar. Der weiße Teppich breitet sich scheinbar unendlich vor uns aus. Als würde man inmitten einer Schneewüste stehen. Weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Es ist ein einziger weißer Rausch, der in einen blitzblauen Himmel übergeht. Kurz vor dem ersten Etappensieg schnallen wir die Skier ab – die letzten Meter zur Bockhartscharte sind ausgesetzt und felsig.

Kolmkarspitz Bockhartscharte
Fantastische Skitourenberge gibt es in Rauris wie Sand am Meer. Besonders prägnant ist die Felsgestalt des Hohen Sonnblicks.
Kolmkarspitz Bockhartscharte Aufstieg
Kurzfristig entscheiden wir, neben Kolmkarspitz und Seekopf auch noch die Bockhartscharte zu besteigen.

Wo es keine Worte braucht

Dann aber stehen wir oben auf diesem prächtigen Aussichtspunkt, der Traumblicke in alle Himmelsrichtungen eröffnet. Unzählige Gipfel der Hohen Tauern verzaubern in ihrer weiß glitzernden Schönheit. Von der Bockhartscharte blickt man sowohl in das Gasteiner- als auch das Raurisertal hinab. Die Bockhartseen schlummern unter einer dicken Schneedecke. Markant sticht der Silberpfennig aus der Riege der Gipfel hervor, der seinen Namen nach dem früheren Silberbergbau hat.

Die Szenerie ist kitschig schön und geht mir unter die Haut. Es ist, als würde ich nach Hause kommen ohne jemals zuvor hier gewesen zu sein. Man fühlt sich befreit von dem fortwährenden Drängen und Treiben. Unendlich scheint die Welt, die sich vor mir ausbreitet. Ich spüre, welches Potenzial in mir schlummert, als ich daran denke, es bis hier hoch geschafft zu haben. Selbstbewusst und stark blicke ich auf die Gebirgswelt, die sich am heutigen Tag von ihrer Schokoladenseite präsentiert.

Gipfelkreuz-Bockhartscharte
Die Bockhartscharte liegt mitten im ehemaligen Goldbergbaugebiet. Die Gebäudereste vor Ort sind im Winter von den Schneemassen bedeckt.
Bockhartscharte
Von der Bockhartscharte blickt man weit über das Gasteiner- und Raurisertal.
Bockhart Skitour
Das besonders schöne Edelstahlkreuz wurde 2016 aufgestellt und thront am Gipfel der Bockhartscharte. Im Hintergrund erheben sich endrucksvoll unzählige Dreitausender der Hohen Tauern.
Panorama-von-Bockhartscharte
Wer nicht gleich 1500 Höhenmeter oder mehr gehen möchte, für den stehen mit Filzenkamm, Seekopf und Kolmkarspitz, Bockhartscharte sowie Silberpfennig etwas gemäßigtere Tourenziele zur Auswahl bereit. Aufgrund der Höhe der Gipfel ist dennoch ausreichend Erfahrung unabdingbar.

Steil bergauf

Der weitere Weg führt nun entweder über den Seekopf oder man steigt zur Einsattelung zwischen Kolmkarspitz und Seekopf auf, wodurch man sich eine Abfahrt sowie zusätzliche Höhenmeter erspart. Bei der zweiten Variante sollte man jedenfalls auf die Lawinengefahr achten, da das Gelände sehr steil ist! Wir verlassen die Bockhartscharte und nehmen den weiteren Aufstieg in Angriff. Die Anstrengung steht mir ins Gesicht geschrieben. Der Schweiß dringt langsam, aber sicher durch die Kleidungsschichten. Die gesprochenen Worte werden weniger. Immer wieder muss ich kurz anhalten, um meine Kräfte zu sammeln.

Da es keine Spur gibt, müssen wir selbst eine Linie in den weichen Schnee zeichnen. Die Spitzkehren verlangen volle Konzentration. Mein Oberkörper dreht sich zum Hang. Mit beiden Stöcken stütze ich mich im Schnee ab, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Als der Talski wegzurutschen droht, werde ich nervös. Die zunehmende Erschöpfung macht mich unsicher und rüttelt an meinem Nervenkostüm.  Schließlich schaffe ich es, auch den Bergski in eine stabile Position zu bringen und marschiere zügig auf die nächste Kehre zu. 

Hohe Tauern
Jenseits des Trubels kann man die Schönheit der rauen Berglandschaft in vollen Zügen genießen.

Tauernträume: vom Seekopf zum Kolmkarspitz

Oben angekommen werden wir von einem Panorama der Superlative überwältigt. Eine Skyline aus gigantischen Paradedreitausendern steht uns gegenüber. Wie am Schnürchen reiht sich ein stolzer Riese an den nächsten: Schareck, Sonnblick, Goldzechkopf, Hocharn und Ritterkopf verbinden sich zu einer mächtigen, weißen Kette. Ein magisch anmutendes Massiv mit dem Hohen Sonnblick als Mittelpfeiler. Der Anblick wirkt wie ein Magnet, von dem sich meine Augen nicht loslösen können.

Vom Seekopf ist es nur mehr ein Katzensprung bis zum Gipfel des Kolmkarspitzes. Auch von dort kann ich mich an dem 360-Grad-Blick auf das aufgewühlte Gipfelmeer nicht sattsehen. Die Alpen erscheinen wie Wellenkämme. Unweigerlich keimt das Gefühl auf, dass mir die Welt zu Füßen liegt. Mit einem Schlag wird eine andere Dimension von Raum und Zeit erlebbar und das eigene Denken und Fühlen erscheint ebenso unbegrenzt wie die Weite der weißen Spitzen. 

Seekopf-Ausblick-Hohe Tauern
Der Seekopf ist ein eher unscheinbarer Gipfel, der jedoch mit einem weitläufigen Ausblick zu überzeugen versteht.
Kolmkarspitz-Ausblick
Zum Schluss stehen wir mutterseelenallein am Gipfel des Kolmkarspitzes.
Vom Seekopf zm Kolmkarspitz
Die Hohen Tauern sind ein Skitourenparadies par excellence.
Kolmkarspitz-Gipfel
Die Skitour auf den Kolmkarspitz ist im Vergleich zu den konditionsfordernden Dreitausendern der Umgebung eine weniger anstrengende Alternative, die dennoch ein großartiges Panorama bietet.

Mit großen Schwüngen

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: es wird eine der besten Abfahrten dieser Saison. Da meine Skitechnik noch immer zu Wünschen übrig lässt, bin ich meistens recht nervös, sobald es talwärts geht. Doch die Hänge sind so weit und sanft geneigt, sodass ich den Ritt durch den Pulverschnee richtig genießen kann. Während der Schnee durch die Luft fliegt, macht mein Herz ein paar Luftsprünge. Wie gut, dass wir uns am Gipfel so viel Zeit gelassen haben, denn beim Hinunterschwingen rasen wir an den steilen Felsflanken vorbei. Im Rausch der Geschwindigkeit sind die Augen nur mehr auf das weiße Gold fixiert. Die Skier fressen sich durch den Pulverschnee. Ich strahle von einem Ohr zum nächsten, als wir erneut die Filzenalm erreichen. Die Abfahrt folgt grundsätzlich dem Anstieg. Wenn jedoch im Wald nicht mehr genug Schnee liegt, empfiehlt sich die Variante vorbei an der Durchgangsalm und über den Gasthof Ammererhof. Von dort führt der Weg entlang der Straße zurück zum Parkplatz. 

Kolmkarspitz-Hohe Tauern
Vom Gipfel des Kolmkarspitzes überblicke ich die Hohen Tauern. Die Felle sind bereits im Rucksack verstaut und eine geniale Abfahrt ruft.

Fazit zur Tour: Während im Frühjahr die Menschen in Scharen auf Sonnblick und Hocharn pilgern, ist die Skitour auf die Kolmkarspitze jenen zu empfehlen, die etwas ruhigere Ziele schätzen oder noch nicht die körperlichen Voraussetzungen für eine hochalpine Skitour haben. Im Gegensatz zu den anspruchsvollen Frühjahrstouren ist sie oftmals schon im Hochwinter durchführbar. Einziger Wermutstropfen ist die Wintersperre der Mautstraße nach Kolm Saigurn, wodurch der Ausgangspunkt beim Parkpatz Bodenhaus liegt. Meist öffnet die Straße Mitte März, wodurch man die Skitour beim Parkplatz Lenzanger beginnen kann und sich eineinhalb Stunden Aufstieg erspart. Alternativ gibt es auch das Angebot eines Hüttentaxis. Die Aussicht von den kleineren Nachbarn der imposanten Dreitausender ist auf jeden Fall nicht weniger spektakulär und lädt zum Träumen ein.

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