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Panorama-Klettersteig: am höchsten Gipfel der Lienzer Dolomiten

Unerwartet beschleicht mich ein mulmiges Gefühl. Mein Herz pocht plötzlich schneller, als würde es jederzeit aus meiner Brust springen. Ein unsichtbares Band legt sich um meinen Hals, schnürt mir die Luft ab. Ich stehe unterhalb des Einstiegs des Panorama-Klettersteigs. Meine Beine schlagen Wurzeln in den felsigen Untergrund. Es fällt mir schwer, dem sicheren Standplatz zu entgleiten und mich der steilen Felswand anzuvertrauen. Ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, das Wettrennen der Ängste in meinem Kopf auszubremsen. Der Karabiner klickt in den ersten Sicherungsabschnitt. Ich umfasse das Stahlseil und stoße mich ab, sodass ich über dem Boden schwebe.

Das Kartenhaus

Ich kann meine Aufregung nicht verstehen. Der schroffe Fels ist gut zu greifen und bietet einen sicheren Stand. Es vergeht keine Sekunde, bis ich in dem rauen Gestein die richtigen Griffe und Tritte finde. Rational betrachtet müsste ich mich bestärkt und selbstbewusst fühlen. Tatsächlich spielen mir meine Emotionen einen Streich und lassen meine Selbstsicherheit wie ein Kartenhaus zusammenbrechen. Mit jedem Zug lege ich behutsam wieder eine Karte auf die andere. Langsam nehmen die Hausmauern wieder Gestalt an und ich fühle mich zusehends sattelfester. Noch ein paar Meter über den Grat und ich stehe am Großen Laserzkopf (2718 m).

Durch mein Gedankenkarussell habe ich gar nicht bemerkt, wie weit wir bereits gekommen sind. Mitten im Klettersteig halte ich einen Moment inne. Es herrscht Stille. Ich betrachte die imposante Bergwelt und ringe nach Worten. Wie lose Buchstaben liegen sie mir auf der Zunge. Und schließlich entscheide ich mich, zu schweigen und den Ausblick einfach zu genießen. Die Karlsbaderhütte erscheint von hier oben meilenweit entfernt. Zusammen mit dem türkisblauen Laserzsee wirkt dieser Ort wie ein verborgener Schatz, der von den mächtigen Felstürmen behütet wird. Schöner hätte ein Impressionist diese Landschaft nicht malen können. Ich bin dankbar für diesen Augenblick. Für dieses Abenteuer. Für diese Aussicht.

BergGroße Sandspitze
2770 Meter
Lienz, Tirol
KlettersteigPanorama-Klettersteig (C/D)
Zustieg: 3 Stunden
Abstieg: 2,5 bis 3 Stunden
Kletterzeit: 2 bis 3 Stunden
Steighöhe: 430 Höhenmeter
Gesamthöhe: 1470 Höhenmeter
HütteKarlsbaderhütte
Dolomitenhütte
AnfahrtGebührenflichtige Mautstraße
zum Parkplatz bei der Dolomitenhütte: 
Öffnungszeiten und Preise
Zum Google Maps Routenplaner
Sonnenaufgang-KarlsbaderHuette
Der Laserzsee am Fuße der Karlsbaderhütte ist wie geschaffen, um dem erhitzten Körper nach einer langen Tour im kompakten Fels Abkühlung zu verschaffen.
Laserzsee
Die bizarre Szenerie der Lienzer Dolomiten trifft mich mitten ins Herz. Das Duett aus steilen Berggipfeln und türkisfarbenen Bergseen ist ein wahres Meisterwerk von Mutter Natur.

Zurück im Spiel

Nach einer kurzen Verschnaufpause am Gipfel geht die Kletterpartie weiter. Vom ersten Etappensieg beflügelt, meistere ich den Balanceakt über den Grat ohne Probleme. Furchtlos gehe ich voran und bringe den ein oder anderen Kletterkniff aus meiner Zeit des Sportkletterns ins Spiel. Ich bemerke, dass meine Bewegungen souveräner und meine Zweifel weniger werden. Mein Puls schlägt endlich entspanntere Töne an und ich koste das Gefühl aus, dem Fels ganz nah zu sein. Hinauf und hinunter führt uns das Stahlseil durch die Kalkwände. Wir überschreiten die Große Galitzenspitze und nähern uns immer weiter unserem Tagesziel. Glücksgefühle sprudeln durch meinen Körper. Mein vormals strenger Blick wandelt sich in ein breites Grinsen.

Galitzenspitze
Auf der Großen Galitzenspitze gibt es zwar kein Kreuz, aber ein herrliches Plätzchen zum Verweilen.
LienzerDolomiten
Dort, wo die Wolken zwischen den steilen Spitzen tanzen, beginnt das Abenteuer.

Umgeben von Felsbrocken und gigantischen Steinwänden schwebe ich auf einer Wolke aus Endorphinen und Abenteuerlust. Schließlich stehe ich vor der Schlüsselstelle. Den ganzen Weg über habe ich mir diesen Moment ausgemalt. Jetzt gilt es, auf die richtige Karte zu setzen. Ich packe meinen Mut zusammen und klettere hinein in den Kamin. Um in dem engen Felsspalt Halt zu haben, spreize ich meine Beine souverän gegen die Wand. Gekonnt schiebe ich mich stückweise nach oben und wähle jene Stellen im Fels, die mir die geringste Anstrengung abverlangen.

LienzerDolomitenmitLaserzsee
Steile Kalkwände, wilde Felstürme und scharfe Grate sind die Markenzeichen der Lienzer Dolomiten.

Schachmatt

Von unten kann ich bereits das schmale Gipfelkreuz erblicken. Trotz des Adrenalins merke ich erste Anzeigen von Erschöpfung. Wie gut, dass die letzten Meter zum Gipfel vorwiegend plattig sind. Durch die nach vorne geneigte Wand spare ich Kraft. Dennoch scheint das Stahlseil endlos zu sein. Immer weiter kämpfe ich mich in Richtung des Ausstiegs. Endlich! Die Partie ist beendet und ich stehe mit stolz geschwellter Brust am höchsten Punkt der Lienzer Dolomiten, der Großen Sandspitze mit 2770 Metern Höhe. Ringsum strecken sich die Felsen in die Höhe und wir genießen den Rundblick auf den malerischen Laserzkessel mit Seekofel, den Gamsköpfen, der Teplitzer Spitze, dem Roten Turm und der Kleinen und Großen Gamswiesenspitze. Hinter unserem Rücken liegt Lienz, die größte Stadt Osttirols, auf die wir nun aus der Vogelsperspektive hinabblicken.

Ich schließe die Augen und nehme ein Bad in einem Meer aus Glückseligkeit. Je tiefer ich tauche, umso mehr horche ich in mein Innerstes hinein, wo mich eine Woge der Begeisterung überrollt. Langsam beruhigt sich die See und ich schwelge im einsamen Gipfelerlebnis. Mein Blick schweift kontinuierlich über das atemberaubende Panorama, von dem ich mich nicht mehr losreißen kann. Wir gönnen uns eine längere Rast, bevor wir uns über das Stahlseil des Klettersteiges abseilen. Eine Rutschpartie über das Schuttfeld später, sind wir zurück auf der Karlsbaderhütte. Und obwohl ich umringt von anderen Bergsteigern auf der sonnigen Terrasse verweile, bin ich in Gedanken noch immer hoch oben am Gipfel.

Klettersteig-LienzerDolomiten
Die ungezähmten Felszacken der Lienzer Dolomiten wecken Erinnerungen an meinen Besuch in Südtirol. Ein wohliges Gefühl beschleicht mich. So, als wäre ich schon einmal hier gewesen.
KarlsbaderHuette-Sonnenaufgang
Am frühen Morgen, als die meisten noch in ihren Betten schlummern, sitze ich auf dem kühlen Stein und beobachte, wie sich die Sonne über die Berghänge kämpft.
SonnenuntergangLaserzsee
Die Karlsbaderhütte mit dem idyllischen Laserzsee bei Sonnenuntergang

Fazit zur Tour: Die Karlsbaderhütte ist ein idealer Ausgangspunkt für Kletter- und Klettersteig-Touren in den Lienzer Dolomiten. Du erreichst die bezaubernde Hütte nach ca. 1,5 Stunden Fußmarsch vom Parkplatz bei der Dolomitenhütte. Um den Anstieg zum Klettersteig zu verkürzen, haben wir eine Übernachtung auf der Karlsbaderhütte gebucht. Der Panorama-Klettersteig (C/D) ist aufgrund seiner Länge durchaus anspruchsvoll und kräftezehrend. Da mehrere Gipfel überquert werden, musst du auch sicher im Klettersteig bis zur Schwierigkeit B/C absteigen können, was viele als unangenehm empfinden. Wenn du deine Fitness auf die Probe stellen möchtest, kannst du den Panorama-Klettersteig mit dem Laserz-Klettersteig (D) kombinieren. Hierzu solltest du aber sehr fit und erfahren im Klettersteig-Gehen sein. Empfehlenswert ist jedenfalls ein mehrtägiger Aufenthalt, denn abseits des Panorama-Klettersteiges gibt es noch zahlreiche weitere Eisenwege wie den Seekofel-Klettersteig (C), den Madonnen-Klettersteig (C, 1-) oder eben auch den Laserz-Klettersteig (D).

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