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Von der Piste ins Gelände: Skitouren Beginner-Guide

Es herrscht Stille im lichten, aber dennoch tief verschneiten Wald. Wattebauschartig liegt der Neuschnee auf den Nadelbäumen, hin und wieder rieselt ein hauchdünner Nebel aus zu schwer gewordenen Schneeflocken von den Ästen auf den Boden hinab. Ich ducke mich, um den tiefhängenden Zweigen auszuweichen.

Faszination Skitourengehen

Wir sind heute die ersten, die ihre Spuren in dem frischen Schnee hinterlassen. Die Sonnenstrahlen blitzen bereits durch das dichte Nadelgehölz, sodass die weiße Pracht an der Oberfläche zu funkeln beginnt. Nur wenige Schritte und wir treten aus der Waldgrenze hinaus, blicken in Richtung des felsigen Gipfels. Das Panorama erscheint endlos. Eine Winterlandschaft wie im Bilderbuch, die Freiheit fast schon greifbar. In Vorfreude auf die Pulverabfahrt auf der noch jungfräulichen Schneedecke ziehen wir unsere Spitzkehren den Gipfelhang hinauf. Mit gekonnten Schwüngen, die feine Schneewolke aufwirbelnd, Schwung um Schwung den Hang hinab. So sieht pures Skitourenvergnügen aus.

Skitourengehen erlaubt es wie kein anderer Wintersport, in die unberührt Bergwelt einzutauchen. Sonnige Firnhänge, staubende Abfahrten und einsame Winterlandschaften. Anders als beim Pistenfahren scheint es keine Grenzen zu geben – außer, die eigenen. Oder jene, die uns die Natur selbst auferlegt.

Blick auf die Hohe Veitsch
Skitourengehen ist für viele die Eintrittskarte in ein winterliches Bergsporterlebnis abseits des Trubels auf der präparierten Skipiste.

Skitourenausbildung: Wissen ist Pflicht 

Doch noch immer bewegen sich zahlreiche Tourengeher komplett ohne Sicherheitsausrüstung im Gelände. Da gibt es jene Skibergsteiger, die ihr LVS (Lawinenverschüttetensuchgerät) im Rucksack verstauen oder gar nicht erst daran denken, es aufzudrehen. Die Batterie soll schließlich für die ganze Saison ausreichen. Andere wiederum investieren ein ganzes Monatsgehalt in sündteure Ausrüstung wie einen Airbag-Rucksack und haben noch nie etwas von Wechten, Schneemäulern oder Triebschneeansammlungen gehört. Im Notfall hat man lediglich 15 Minuten Zeit, einen Verschütteten mithilfe entsprechender Sicherheitsausrüstung (LVS-Gerät, Lawinenschaufel und Tourensonde) zu orten und zu bergen. Nach Ablauf dieser Zeit sinkt die Überlebenschance rapide ab.

Skitouren Guide 3

Erste Erfahrungen bei Pistenskitouren 

Skitourengehen ist ein Sport, bei dem man umfassendes Wissen zu Lawinenkunde, Schneedeckenaufbau, Erste Hilfe oder Tourenplanung benötigt. Ich rate deshalb jedem davon ab, ohne eine entsprechende Ausbildung in freies Gelände zu gehen. Abgesehen davon sollte man niemals alleine losziehen. Erste Skitourenerfahrung sammelt man am besten bei einer Pistenskitour. Dabei sollte man sich jedoch vorab informieren, ob die Pistenbenutzung im jeweiligen Skigebiet gestattet ist. In manchen Skigebieten ist die Verwendung der Pisten für Skitouren nämlich nicht gerne gesehen und verboten, in anderen wiederum erlaubt. Inzwischen gibt es auch Skigebiete, die sich insbesondere auf Skitourengeher eingestellt haben und spezielle Lehrpfade anbieten.

Skitour_Gruppe

Skitourenkurse für Anfänger 

Um künftig selbstständig Touren in freiem Gelände zu planen und zu gehen, empfehle ich euch den Besuch eines Skitourenkurses für Anfänger. Mein Kurs bestand aus insgesamt 10 Theorieabenden (je 2 Stunden) und 4 Praxiswochenenden, was relativ umfangreich ist. Die meisten Skitourenkurse sind jedoch auf ein Wochenende oder maximal eine Woche ausgelegt. Was die Preise betrifft, so variieren diese selbstverständlich je nach Anbieter. Durchschnittlich kostet ein Skitourenkurs ca. 260 bis 300 Euro, hinzu kommen noch Kosten für Verleih, Anreise zum Kursort und Unterkunft (ca. 50 bis 80 Euro pro Nacht im Doppelzimmer).

Hier findet ihr einige Links zu angebotenen Kursen:

Skitourengehen lernen
Skitourengehen will gelernt sein – am besten im Rahmen eines Anfängerkurses
Was lerne ich in einem Skitourenkurs?

Die Inhalte des Kurses unterscheiden sich selbstverständlich je nach Angebot. Neben der Praxis in Form von geführten Touren werden meist folgende theoretische Inhalte vermittelt:

  • Alpine Gefahren
  • Geh- und Spitzkehrentechnik
  • Erste Hilfe beim Lawinenunfall
  • Material- und Ausrüstungskunde
  • Spuranlage in Aufstieg und Abstieg
  • Orientieren und Kartenlesen
  • Risikomanagement
  • Schnee- und Lawinenkunde
  • Spuranlage und Geländewahl
  • Strategie beim Lawinenunfall
  • Tourenplanung
  • Umgang mit LVS, Schaufel und Sonde
  • Verwendung von Steighilfe und Harscheisen
Skitouren_Guide1

Die Equipment-Frage: was man für Skitouren alles braucht 

Skitourengehen ist kein günstiger Sport und bedarf einer ziemlich umfangreichen Ausrüstung. Zu Beginn ist es aber nicht notwendig, mehrere hundert bis tausend Euro in die Ausrüstung zu investieren. Für Anfänger ist es ratsam, große Teile des Equipments sowie die Sicherheitsausrüstung zunächst nur zu leihen. Günstige Verleihmöglichkeiten gibt es beispielsweise bei alpinen Vereinen wie dem Alpenverein (ca. 60 bis 95 Euro pro Wochenende Mitgliederpreis für Ski, Schuhe und LVS-Set) oder auch bei Sportgeschäften in Wintersportgebieten. Diese waren in meinem Fall aber etwas teurer. Jedenfalls würde ich empfehlen, vorab anzurufen und abzuklären, ob die benötigte Leihausrüstung vorhanden ist.

Die Ausrüstung im Überblick (Tagestour)
  • Tourenski (inkl. Felle und Harscheisen)
  • Tourenskischuhe
  • Tourenstöcke (Wanderstöcke mit großen Skitellern)
  • LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät)
  • Lawinensonde
  • Schaufel
  • Erste-Hilfe-Paket (inkl. Rettungsdecke)
  • Biwacksack für 2 Personen
  • Rucksack mit Befestigungsmöglichkeit für Ski
  • Skibrille bzw. Sonnenbrille
  • Skihelm (noch besser: spezielle Skitourenhelme)
  • Stirnlampe
  • Handy
  • Topografische Karte, Lawinenwarnbericht, Höhenmesser, Kompass
  • Schweizer Taschenmesser, Kabelbinder, reißfestes Tape für den Notfall
  • Thermosflasche mit Tee
  • Sonnenschutz
  • optional: Lawinen-Airbag-Rucksack
Skitour_Kurs

Bekleidungsstrategie: wie aus der Zwiebel gepellt 

Beim Skitourengehen setzt man auf das sogenannte „Zwiebelschalenprinzip“, das heißt man trägt mehrere dünnere Bekleidungsschichten übereinander. Dementsprechend kann man sich optimal an die jeweiligen Bedingungen anpassen. Anbei findet ihr eine Auflistung für die richtige Bekleidung bei einer Skitour (ausgehend von einer Tagestour):

  • Basisschicht bzw. Base-Layer: Die Basisschicht wird eng auf der Haut getragen. Sie nimmt den Schweiß auf, sodass der Körper trocken und warm bleibt. Hierzu gehören Funktionsunterwäsche (z.B. aus Merinowolle) und Skisocken.
  • Isolationsschicht bzw. Mid-Layer: Die Mid-Layer ist die wärmende Schicht und dient der Isolation. Je nach Temperatur und sportlicher Anstrengung wird mehr oder weniger Isolation benötigt, d.h. es können auch mehrere Teile übereinander getragen werden. Als Mid-Layer eigenen sich Fleecejacken, leichte Daunenjacke (auch Kunstdaune = Primaloft) oder dicke Daunenjacken bei großer Kälte.
  • Witterungsschutzschicht bzw. Shell-Layer: Die letzte Schicht soll Schnee, Wind und Wasser abhalten, sie übernimmt somit den Wetterschutz. Eine gute wasser- und winddichte Hardshelljacke (Regenjacke) ist hier das Um und Auf. Idealerweise besteht die Jacke aus GoreTex oder vergleichbaren Membranen wie Dermizax. Bei dreilagigen Modellen sind Oberstoff, Membran und Futter zu einer Schicht laminiert, weshalb sie besonders stabil sind. Im Falle von trockenen Bedingungen ist eine winddichte Softshelljacke ebenfalls eine gute Alternative, denn sie bietet eine bessere Atmungsaktivität.
  • Tourenhose (üblicherweise Softshellhosen, seltener Hardshellhosen)
  • Gamaschen (wenn nötig und falls diese nicht in der Tourenhose integriert sind)
  • Stirnband oder Haube
  • Schlauchschaal (z.B. von Buff)
  • Dünne Handschuhe für den Aufstieg und warme Handschuhe für die Abfahrt (am wärmsten sind Fäustlinge)
Skitourenkurs
Mit entsprechender Ausrüstung hinterlassen wir unsere ersten Spuren im frischen Neuschnee.

Die Sehnsucht nach unverspurten Hängen 

Skitourengehen ist längst keine Randsportart mehr. Die Umsätze der Hersteller sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Es ist das Bewegen in abgeschiedener Bergwelt, ohne künstlichen Eingriff in die Natur, das uns in Richtung der Gipfel lockt. Eine Flucht aus dem Tal auf den Berg, weit weg von Stress, Alltag, Hektik und Verpflichtung. Da wirkt einerseits die sportlicher Triebfeder und Begeisterung für das Bergsteigen in Kombination mit dem Adrenalin, das bei der Abfahrt in den Körper schießt. Andererseits ermöglicht Skitourengehen ein gemeinsames Erlebnis mit Menschen, die dieselbe Passion wie man selbst teilen. Und doch ist die Grenze zwischen Gaudi und Gefahr oft fließend. Oben am Berg ist es die Natur, die den Ton angibt und die Gesetze schreibt. Ihre Regeln gilt es zu verstehen und entsprechend darauf reagieren zu können. Denn nur so kann das Risiko entsprechend reduziert und die Skitour genossen werden.

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