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Pidinger Klettersteig: Härtetest am Hochstaufen

Schon die steile Einstiegswand lässt vermuten, dass diese Steiganlage nichts für schwache Armmuskeln ist. Das 14 Millimeter dicke Stahlseil windet sich über luftige Steilwände, schmiegt sich an die abschüssige Wand und weist den Weg über tiefe Abgründe. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung führt mich der Weg nach Piding in der Nähe von Bad Reichenhall in Bayern.

Der Nervenkitzel geht los

Als markanter Blickfang sticht er sogleich aus der Landschaft empor. Mit 1771 Metern Höhe ist der Hochstaufen der östlichste Berg der Chiemgauer Alpen. Abgesehen von den herkömmlichen Wanderwegen, gibt es hier einen der kniffligsten Eisenwege der deutschen Alpen. Wer den Pidinger Klettersteig begehen möchte, sollte eine große Portion Ausdauer, gepaart mit viel Erfahrung im Klettersteiggehen und einer kräftigen Oberkörpermuskulatur im Gepäck haben. Der Via Ferrata führt durch die teilweise sehr steilen Nordabstürze des Hochstaufen und ist unsere heutige Herausforderung.

BergHochstaufen
1771 Meter
Piding, Bayern
KlettersteigPidinger Klettersteig (D)
Zustieg: 1,5 Stunden
Abstieg: 2,5 Stunden
Kletterzeit: 3 bis 4 Stunden
Steighöhe: 750 Höhenmeter
Gesamthöhe: 1300 Höhenmeter
HütteReihenhaller Haus
AnfahrtParkplatz Pidinger Klettersteig
Zum Google Maps Routenplaner

Unweit der kleinen Gemeinde Piding liegt der Parkplatz, von dem wir in Richtung Einstieg wandern. Immerhin 1,5 Stunden benötigen wir für den teilweise recht steilen Zustieg zum Klettersteig. Der Weg verläuft zunächst entlang eines Forstweges und mündet schließlich in den Wald hinein. Der letzte Teil des Zustiegs führt uns über ein Geröllfeld, welches uns angesichts der warmen Temperaturen zusätzliche Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Pidinger Klettersteig Via Ferrata
Der Pidinger Klettersteig ist eine besonders anstrengende, aber auch abenteuerliche Möglichkeit, den Bad Reichenhaller Hausberg zu erklimmen.

Der Klettersteig wurde 2003 unter der Leitung des Pidingers Sepp Reichenberger innerhalb von 1500 Arbeitsstunden errichtet. Wer den Drahtseilakt wagt, überwindet satte 750 Höhenmeter im Steig, wofür man je nach Anzahl der Pausen ca. drei bis vier Stunden benötigt. Wie erwähnt, erfordert der Klettersteig Bizeps und Kletterkönnen. Es gibt zwar zwei Notausstiege, doch die härtesten Passagen erfolgen erst nach den beiden Fluchtwegen. Wer bis zu den Notausstiegen schon Schwierigkeiten hat, sollte den Klettersteig unbedingt verlassen, um nicht in eine Notsituation zu geraten.

Gemäßigter Auftakt am Pidinger Klettersteig

Wir überwinden das erste Knock-out-Kriterium, die steile Einstiegswand (C), und gelangen zu einem flachen Wegstück, welches in ein weiteres Seilstück (B) leitet. Die folgenden Klettermeter sind mit einer Schwierigkeit von A/B recht einfach, sodass wir zügig vorankommen und schlussendlich zur ersten Schlüsselstelle gelangen. Vor diesem Teilstück befindet sich bereits der erste Notausstieg. Entlang der sehr steilen Wand (C/D und D) hanteln wir uns im Zickzack mithilfe von Tritthilfen und Klimmzügen nach oben. Mit einem kräftigen Schwung überwinden wir das letzte Seilstück und erreichen die nächste Querung. Hier besteht die letzte Chance, den Klettersteig zu verlassen. Einige Bergsteiger sind bereits am Ende ihrer Kräfte und wechseln auf den normalen Wanderweg zum Gipfel.

Pidinger Klettersteig auf dem Hochstaufen
Hart, härter, Pidinger Klettersteig. Je mehr Höhenmeter überwunden werden, umso mehr zeigt der Steig, was er in sich hat.
Pidinger Klettersteig Ausblick
Teilweise sind auch Gehpassagen zwischengelagert – eine willkommene Ruhephase für die Oberarme.
Pidinger Klettersteig
Grandiose Tiefblicke und senkrechte Felswände sind das Markenzeichen des Pidiniger Klettersteigs.
Pidinger Klettersteig Bank
Kurz vor dem letzten Teilstück lädt ein Holzbänkchen zur Rast.

Nerven wie Drahtseile

Im mittleren Schwierigkeitsgrad C klettern wir nun einen steilen Pfeiler hinauf. Am Pfeilerkopf erreicht man über eine kurze Wandstelle einen Blockgrat, der schließlich in eine Rinne zum Schuttkessel führt. Diese Passage ist ausnahmsweise wieder sehr leicht und bringt ein wenig Entspannung für die entkräfteten Arme und Beine. Schließlich ist es soweit und wir stehen Angesicht in Angesicht mit der größten Prüfung des Tages: der steilen Gipfelwand. Knackige C/D- und D-Stücke gehen Hand in Hand, die teilweise überhängenden Passagen zehren an den letzten Kraftreserven. Beim Blick in die Tiefe umfasse ich das Stahlseil mit aller Kraft und versuche an unser Ziel, den Gipfel, zu denken. Klettermeter um Klettermeter kämpfen wir uns dem Gipfelkreuz entgegen. Meine Finger sind voller Blasen vom Stahlseil und meine Armmuskeln brennen.

Pidinger Klettersteig

Hochgefühl am Gipfel

„Geht das Seil noch weiter?“ Nach dem stundenlangen Kraftakt bin ich trotz wunderschöner Ausblicke am Ende meiner Kräfte. „Wir sind oben!“, ruft mir mein Kletterpartner zu. Endlich haben wir die Nordwand bezwungen und stehen mit stolzgeschwellter Brust am Gipfel des Hochstaufen. Ich kann es kaum glauben, dass wir es tatsächlich bis hier oben geschafft haben. Vom Gipfelkreuz genießen wir einen 360°-Rundumblick auf den Chiemsee, das Salzkammergut, den Untersberg, die Stadt Salzburg und die Berchtesgadener Alpen. Unweit des höchsten Punktes liegt in die steilen Felswände eingebettet das Reichenhaller Haus, in dem wir für eine kurze Rast einkehren. Trotz kühler Temperaturen lassen wir uns eine warme Jause auf der Terrasse nicht nehmen. Der hart erkämpfte Ausblick will schließlich genossen werden.

Hochstaufen-Gipfelkreuz
Pidinger Klettersteig Hochstaufen
Der Name Staufen kommt aus dem Mittelhochdeutschen („stouf“) und bedeutet „steil aufragender Fels“.
Pidinger Klettersteig Gipfelkreuz
Die Freude über den Gipfelsturm steht mir ins Gesicht geschrieben.

Der Abstieg erfolgt schlussendlich über den Normalweg in der Nähe des Ausstiegs, bis man zu der Abzweigung Piding/Urwies gelangt. Wir marschieren in Richtung Piding durch den Wald und treffen im Bereich der Steiner Alpe wieder auf die Forststraße. Mit insgesamt 2,5 Stunden Gehzeit ist der Abstieg ziemlich lang und saugt noch einmal das letzte bisschen Saft aus den Beinen. Mittlerweile ist es dunkel, als wir bei unserem Auto angelangen.

Der Pidinger Klettersteig ist nicht nur ein Härtetest für Liebhaber der Vertikalen, sondern auch ein landschaftliches Juwel und jedenfalls einen Besuch wert.

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