Von Totenköpfen und Opium – unterwegs in Thailands Norden

Anfang April musste ich Abschied nehmen. Meine Freundin Patricia flog zurück nach Hause und für mich hieß es nach mehreren Wochen in Malaysia: auf nach Chiang Mai, Thailand! Denn dort startete kurze Zeit später meine Reise nach Myanmar. Für meinen ersten Tag in Nordthailand hatte ich einen Tagesausflug ins drei Stunden entfernte Chiang Rai und zum berühmten goldenen Dreieck (hier treffen sich die Ländergrenzen von Thailand, Myanmar und Laos) gebucht, inklusive kurzem Stopp bei den Hot Springs. 

Im Minivan zu den Hot Springs

Etwas verschlafen steige ich früh morgens in den Minivan, der bereits gut gefüllt ist. Sogleich begrüßt mich unser Tourguide, ein sehr motivierter junger Thai (hierzu muss man sagen, dass in Thailand oftmals eine übertriebene, schon fast künstlich anmutende Freundlichkeit zelebriert wird. Sein Lachen erinnerte mich unweigerlich an die Grinsekatze aus Alice im Wunderland). Witzigerweise lautete der Name des Veranstalters sogar „Happytours“ oder so ähnlich – die positive Stimmung war also Programm. An der passenden musikalischen Untermalung hat es während der gesamten Fahrt im Bus auch nicht gemangelt (der Playlist am Handy unseres Guides sei Dank). Von allen Herzschmerz-Love-Songs der letzten Dekaden bis hin zu jeglichen Gutelaune-Liedern war unsere Playlist im Auto breit gefächert. 

Und schon hieß es aussteigen, denn wir hatten unseren ersten Stopp erreicht, die Hot Springs. Was hier allerdings sehenswert sein soll, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich beuge die unscheinbaren Löcher im Boden, aus denen heißes Wasser spritzt. Zu allem Überfluss werden viel zu überteuerte Eier angeboten, die man in den Quellen kochen kann. Diese „Attraktion“ kann man guten Gewissens vom Reiseprogramm streichen. Jedenfalls habe ich mein obligatorisches Foto vor den nichtssagenden Quellen gemacht, um im Anschluss – das war das beste an dem Stopp – mit zwei sehr lieben deutschen Mädchen aus meinem Bus ins Gespräch zu kommen. Wir haben uns gleich so gut verstanden, dass wir den gesamten Tag zusammen verbracht haben. Auch wenn die Hot Springs keinen Zauber versprüht haben, zumindest war der Stopp für ein Kennenlernen gut.

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Die Hot Springs sind mehr Touristenfalle denn Sehenswürdigkeit, ein Foto habe ich trotzdem mit nach Hause genommen.

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Heißer Dampf steigt aus den brodelnden Quellen empor. 

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Prunk und Glitzer: Thailands berühmter „White Temple“

Nachdem wir die heiße Luft der heißen Quellen hinter uns gelassen hatten, stand das Highlight des Tages am Programm. Der „White Temple“ (oder auch Wat Rong Khun genannt) liegt 13 km entfernt von Chiang Rai und ist all das, was man sich von einem buddhistischen Tempel nicht erwartet. Ich dränge mich an Menschenmassen vorbei zum Eingang, denn ein Geheimtipp ist der Tempel lange nicht mehr. Vielmehr schiebt man sich dicht an dicht den Weg entlang und versucht, ein gutes Foto zu erhaschen.

Der Schöpfer dieses skurrilen Bauwerks trägt den Namen Chalermchai Kositpipat. Als von öffentlicher Seite kein Geld mehr zur Verfügung stand, den ursprünglichen Tempel zu restaurieren, nahm der Künstler sein Privatvermögen in die Hand und begann 1997 mit dem Bau seines Lebenswerkes. Beim Betreten des Heiligtums ist man beinahe geblendet von dem vielen Weiß, welches die Reinheit Buddhas symbolisieren soll. Die zahlreichen Figuren im Avantgardestil repräsentieren wichtige buddhistische Persönlichkeiten. Die gesamte Tempelanlage ist an Kitsch kaum zu übertreffen, die Fassade funkelt und glänzt in der  Sonne. Ich weiß gar nicht, wohin ich zuerst blicken soll, die prunkvollen Details versetzten mich ins Staunen. 

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Wie einer Märchenwelt entsprungen wirkt das faszinierende Bauwerk im hohen Norden Thailands. 

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Über die „Brücke der Wiedergeburt“ gelangt man in den Innenraum des Tempels.

Nachdem man die „Brücke der Wiedergeburt“ überquert und die Hölle in Form von hunderten Händen, welche sich den Besuchern entgegenstrecken, überwunden hat, gelangt man zu den Wandmalereien im Inneren des Tempels. Diese sind dem Buddhismus hingegen so fern wie es Superman, Hello Kitty, Michael Jackson, Harry Potter, The Matrix, Elvis, die Minions oder Osama bin Laden und George W. Bush in den Augen des Dämonen eben sein können. Weitere Wandmalereien zeugen von der Zerstörung der Welt, von Nuklearwaffen und historischen Ereignissen der letzten Jahrzehnte. Der Künstler wollte damit für künftige Generationen ein Bild unserer Zeit hinterlassen. Es herrscht eine bunte Mischung aus Chaos, Pop-Kultur, Religion und Wahnsinn, die man dank Fotografie-Verbot leider nicht festhalten darf.

 

Der White Temple ist ein unvergleichbares Kunstwerk, selbst wenn man über Geschmack in diesem Falle sicherlich streiten kann.

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Vorbei an skurrilen Figuren bahnt man sich seinen Weg durch die Tempelanlage. 

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Auf den Wunschherzen hinterlassen Gläubige in guter Hoffnung ihre Wünsche und Sehnsüchte. 

Ein weiteres Highlight: Der Toilettengang. Ich habe immer gedacht, der Besuch am Opernklo in Wien sei ein besonderes Toilettenerlebnis. Doch das ist nichts im Vergleich zum stillen Örtchen im Weißen Tempel, denn hier gibt es Gold soweit das Auge reicht! Das WC sieht aus wie ein Teil des Tempels und wird deshalb genauso oft fotografiert (Welches Klo der Welt klebt sonst im heimischen Erinnerungsalbum?).

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Das goldene stille Örtchen des White Temples ist mindestens genauso eindrucksvoll wie der Tempel selbst.

Das Goldenen Dreieck und seine Geschichte 

Nach dem White Temple Overload sind wir an das sogenannte „Goldene Dreieck“ gefahren. Hier treffen sich die Grenzen von Myanmar, Laos und Thailand und der Fluss Ruak mündet in den Mekong, die Form ähnelt einem Dreieck. Das Goldene Dreieck ist auch Synonym für den Anbau von Schlafmohn der ethnischen Minderheiten und den Drogenhandel in Südostasien (bis in die 80er Jahre war das Goldene Dreieck eines der weltweit wichtigsten Anbaugebiete für Opium). Das Opium wurde anfänglich mit Gold bezahlt, daher der Name. Heute ist der Opiumhandel in Thailand illegal. Trotzdem gibt es teilweise noch unkontrollierte Bereiche in den Grenzgebieten, wo Drogenhandel betrieben bzw. Opium in den deutlich ärmeren Ländern Laos und Myanmar angebaut wird. Als Tourist bekommt man davon jedoch gar nichts mit. Das goldene Dreieck ist an sich ganz nett, aber keine besondere Attraktion.

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Im Opium-Museum erhalten Besucher einen Einblick in die Geschichte des Goldenen Dreiecks.

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Am Goldenen Dreieck verschwimmen die Grenzen von Laos, Myanmar und Thailand.

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Flüchtlingshilfe mit Tourismuskalkül – das Leben der Langhalsfrauen in Thailand

Zum Abschluss der Tour waren wir noch in einem Dorf der Padaung nahe der Stadt Mae Hong Son, bei den sogenannten „Langhausfrauen„. Das Bergvolk gehört zur Volksgruppe der Karen und stammt ursprünglich aus Myanmar, wird dort aber vom Militär verfolgt. Die Frauen tragen von Kindheit an einen schweren Halsschmuck, der die Schultern deformiert und den Hals scheinbar verlängert. Findige Geschäftemacher belebten damit den Ethno-Tourismus in Nordthailand. Zahlreiche Frauen, die seit Ende der 1980er Jahre von Myanmar nach Thailand flüchteten, werden in Schaudörfern als „Long Neck Karen“ vermarktet. Ich habe die Langshalsfrauen bereits vor zwei Jahren in einem anderen Dorf nahe der Grenze getroffen und fand es schon damals fragwürdig, dass die Bewohner so zur Schau gestellt werden. Ihren Lebensunterhalt verdienen die Frauen durch den Verkauf von Webwaren und Souvenirs sowie durch die Eintrittsgelder, welche wie für einen Zoobesuch eingehoben werden. Die Padaung selbst wollen aber auch nicht nach Myanmar zurück, wo es ihnen noch schlechter ergeht und ihre Kinder nicht zur Schule gehen können.

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Die Tradition der Langhalsfrauen

Den ersten Halsschmuck, eine Spirale von rund 10 Zentimetern Höhe, erhalten die Mädchen im Alter von etwa fünf Jahren. Ihrem Wachstum entsprechend nimmt man die Halsspirale alle zwei bis drei Jahre wieder ab (es sind daher keine einzelnen „Ringe“) und ersetzt sie durch ein schwereres Exemplar mit mehr Windungen. Es handelt sich dabei um Messingspiralen mit 30 bis 40 Zentimetern Durchmesser, die erst beim Anlegen durch geübte, kräftige Frauen Windung um Windung an die Körperform angepasst werden. Bis zu 10 Kilogramm wiegt der Panzer auf den Schultern, zwischen 15 und 20 Kilogramm kommen an Armen und Beinen manchmal dazu. Dem Ursprungsmythos zufolge stammen die Padaung von einem gepanzerten weiblichen Drachen ab. Aus rationaler Sicht wird der Brauch meist mit dem früher üblichen Frauenraub erklärt: Der glänzende Schmuck und die anatomischen Folgen hätten Padaung-Frauen von weitem erkennbar und daher für Räuber uninteressant gemacht. Später avancierte das Amulett zum Schönheitsideal und Statussymbol: je höher die Spirale, umso höher der Rang der Trägerin. Ob man schließlich eines der Dörfer besuchen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich war es der letzte Besuch.

 

Die Frauen verkaufen Souvenirs und Webwaren, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

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